27/04/18

Eigene Räume für die Kunst

Der Badische Kunstverein feiert sein zweihundertjähriges Bestehen

von red.

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 Rebecca Stephany, aus 200 Sisters Souvenirs, 2018, courtesy the artist

Kunstvereine erfüllen eine wichtige Funktion. Sie sind die Vorreiter. Anlässlich des zweihundertjährigen Bestehens findet im Badischen Kunstverein eine Aufarbeitung der Tradition unter aktuellen Fragestellungen statt. Annette Hoffmann sprach mit der Leiterin des Badischen Kunstvereins Anja Casser.

Artline: Wer gründete den Badischen Kunstverein?

Anja Casser: Der Badische Kunstverein ist einer der ältesten Kunstvereine in Deutschland. 1818 planten einige Bürgerinnen und Bürger die Gründung einer Gesellschaft von Kunstfreunden. Der höfische Kunstbetrieb konnte die Bedürfnisse scheinbar nicht mehr erfüllen, das erstarkende Bürgertum emanzipierte sich zunehmend und es entstand der Wunsch nach eigenen Räumen für die Kunst. Zu den Gründungsmitgliedern im Badischen Kunstverein zählten Adelige, Künstler, hohe Beamte, Kaufleute, Generäle, Offiziere, Professoren. Über 70 Prozent der Mitglieder entstammten dem gehobenen Bürgertum, es gab keine Mitglieder aus dem bürgerlichen Mittelstand oder der Arbeiterschaft. Eine Besonderheit in Karlsruhe ist das repräsentative Haus in der Waldstraße 3, das 1900 für den Kunstverein erbaut wurde. Großherzog Friedrich unterstützte den Bau mit erheblichen finanziellen Mitteln.


Artline: Was ziehen Sie aus dieser Tradition für Ihre Arbeit?

Anja Casser: Der Verein ist immer noch von Mitgliedern getragen. Wir haben über 1000 Mitglieder, die unsere Arbeit unterstützen. Kunstvereine haben keine eigenen Sammlungen und zeigen Kunst in Wechselausstellungen. Damals wie heute widmen sich die Ausstellungen der Förderung von Gegenwartskunst. Andere Zielsetzungen sind grundverschieden. So waren die ersten Ausstellungen in den Kunstvereinen des frühen 19. Jahrhunderts  reine Verkaufsausstellungen, die Entstehung der Kunstvereine ist mit der Entstehung des Kunstmarktes eng verbunden. Heute ist man eher bestrebt, sich von den marktorientierten Strukturen so weit wie möglich zu distanzieren. Allerdings ist das traditionelle Prinzip der Jahresgaben auch noch heute in den Kunstvereinen präsent: Einmal im Jahr geben Künstlerinnen und Künstler den Vereinen ein Kunstwerk, das verkauft wird. Der Erlös kommt den Institutionen und den Künstlern zu gleichen Teilen zugute.


Artline: Finden Sie das Vereinsprinzip noch zeitgemäß?

Anja Casser: So eine Vereinsstruktur mag zwar anachronistisch erscheinen, wir haben damit jedoch ganz andere Erfahrungen gemacht. Die Bindung an die Bürgerinnen und Bürger der Stadt ist uns sehr wichtig. Wir konnten unsere Mitgliederzahl nicht nur halten, sondern haben auch viele junge Leute hinzu gewinnen können. Wenn man das Programm lebendig hält, ist es auch für Jüngere interessant.


Artline: Anlässlich des 200-jährigen Bestehens haben Sie die Ausstellungsgeschichte einer Re-Lektüre unterzogen. Was hat sich daraus ergeben?

Anja Casser: Das gesamte Jubiläumsprogramm orientiert sich an dieser Re-Lektüre der Ausstellungsgeschichte. Bereits vor einigen Jahren haben sich Studierende der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe unter der Leitung von Wolfgang Ullrich mit dem Archivmaterial des Badischen Kunstvereins beschäftigt, Dokumente ausgewählt, die anschließend in einer Ausstellung im Kunstverein von 2015 bis 2017 zu sehen waren. Darauf aufbauend hat sich ein Team des Kunstvereins mit weitergehenden Recherchen zur Ausstellungsgeschichte befasst. Dabei geht es um den Versuch, sich der Geschichte mit alternativen Fragestellungen zu nähern, einen Blick hinter die Kulissen zu werfen, sich nicht nur auf Highlights zu konzentrieren, sondern auch verborgenes oder bislang wenig beachtetes Wissen aufzuspüren. Eine interessante monographische Ausstellung kann dabei ebenso untersucht werden wie ein Möbelstück aus dem Inventar des Vereins.  Da wir diese Recherche nicht alleine durchführen können, sind wir zahlreiche - zumeist lokale - Allianzen eingegangen. Ein Allianz-Projekt konzipiert beispielsweise ein Hörspiel (Volker Zander und Felicitas Wetzel), das möglichst viele Stimmen der noch lebenden Protagonisten aus der Kunstvereinsgeschichte zusammenbringt. Eine Archiv-Website wird mit Studierenden des Kommunikationsdesigns der HFG Karlsruhe entwickelt, um die Dokumente des Vereins öffentlich zugänglich zu machen. Die Künstlerin und Designerin Rebecca Stephany untersucht das Ausstellungsprogramm unter feministischen und genderrelevanten Fragestellungen – um nur einige der zahlreichen Allianzen in diesem Jahr zu nennen.  Im Lichthof des Kunstvereins hat das Design Studio Schroeder Rauch einen Festraum konzipiert, in dem das gesamte Programm des Jubiläums stattfindet. Uns ist es wichtig, die Ausstellungsgeschichte für zeitgenössische und zukünftige Diskurse zugänglich machen, ihr kollektiv und non-linear zu begegnen, um so ihrer Vielstimmigkeit gerecht zu werden.  

 

200 Jahre Badischer Kunstverein. Festakt am 1. Mai 2018.




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