18/04/18

Aus dem Hobbykeller

Aaron Angell entlockt Materialien des Kunsthandwerks subversives Potential

von Annette Hoffmann

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Aaron Angell, Caterpillar Engine, 2018, Foto: Marc Doradzillo
Wenn ein Künstler mit Keramik und Hinterglasmalerei einen Platz in der zeitgenössischen Kunstszene findet, befasst er sich vermutlich mit ausgesprochen gegenwärtigen Fragen. Schließlich gelten weder Ton noch Glas als sonderlich hippe Materialien – auch wenn sich das momentan gerade ändert. Aaron Angell, dem der Kunstverein Freiburg derzeit eine Soloschau widmet, ist noch einen Schritt weitergegangen und gründete 2014 im angesagten Londoner Osten die Troy Town Art Pottery, in der er begehrte Workshops in Glasur, Brand oder experimenteller Keramik anbietet.

Aaron Angell, 1978 in Kent geboren, wuchs in Großbritannien auf, einem Land, in dem einerseits das Kunsthandwerk hochgehalten wird, andererseits die Folklore mit all ihren bizarren Auswüchsen ihren Platz hat. Angells amorphe Skulpturen spiegeln dies ebenso wider wie das Vorhandensein bedeutender kulturhistorischer Sammlungen. Er sei, so erzählte er vor vor einigen Jahren im Interview, an einer „hermetischen Hobbykultur“ interessiert und an ihrer „schwierigen Mischung aus kanonischer und fantasierter Geschichte“. In seiner Freiburger Ausstellung hat er nun sechs Ton­skulpturen auf weiß und roh verputzte, ziemlich plump wirkende Sockel in die Halle gesetzt. „Caterpillar Engines“ heißt die Serie neuer Arbeiten und wirklich könnte man in ihnen ein zusammengebackenes Etwas mehrerer Kolben erkennen. Handwerk hat seine Tücken, auch wer sich mit einer anarchischen Haltung nähert, braucht Fertigkeiten und Techniken. Obgleich Angells Skulpturen völlig dysfunktional sind, kommt auch er nicht ohne das Gefäß aus. Seine Arbeiten beruhen oft auf miteinander verbundenen Dosen, Krügen oder Teeschalen, die ihren Ursprung häufig in historischer japanischer Keramik haben. Auch die Glasur bezieht sich auf eine japanische Technik, die im 16. Jahrhundert entwickelt wurde und deren unregelmäßige Oberfläche man in den 1970er Jahren wieder schätzte. Angells Skulpturen, deren Farbigkeit an Kupfer erinnert, wirken oft wie Agglomerationen, in sich zusammengesunken, oft sind die Teile aufgerissen. Die Glasur hingegen ist voller Krakeleen, ähnelt mal einem milchig-weißen Überguss, mal Partina. Sie bildet das Verbindungsglied zu Angells Hinterglasmalerei, die wiederum oft auch durch Motive geprägt ist, die wie arrangiert aussehen: Kohlköpfe auf einem Tablett oder merkwürdige Brunnen mit wenigen Wasserstrahlen zwischen denen ein Hundekopf platziert ist. Das hat in seiner Flächigkeit etwas von Collagen, ist aber Schicht um Schicht aufgebaut und zitiert mitunter Motive aus der Kunstgeschichte wie etwa das Haupt Johannes’ des Täufers. Überhaupt amalgieren die Arbeiten Aaron Angells mit großer Lust Kulturgeschichte. Er hat nicht nur Techniken japanischer Keramik studiert – Abdrücke von römischen Münzen finden sich ebenso im Ton wie Muscheln, mit denen man früher beim Brand die verschiedenen Gefäße voneinander trennte. Darüber hinaus interessiert sich Angell für utopische Architekturmodelle und das Design der Memphis-Gruppe. Skurril? Keineswegs. Denn wer sagt eigentlich, dass all das in Ton nicht möglich sei?        

Aaron Angell, Hitzeflimmern-Theater
Kunstverein Freiburg
Dreisamstr. 21, Freiburg.
Öffnungszeiten: Dienstag, Donnerstag bis Sonntag 12.00 bis 18.00 Uhr, Mittwoch 12.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 6. Mai 2018.


 

 

 

 




Kunstverein Freiburg