12/04/18

Der vergessene Auftrag

Die Ausstellung „Die Zelle“ beschäftigt sich zum 100 Jahr-Jubiläum der Kunsthalle Bern mit Auflösungen des Funktionalen

von Julia Hochstenbach

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Die Zelle, Kunsthalle Bern, 2018, Installationsansichten, Fotos: Gunnar Meier
Mit seinen Essays über „the white cube“ – die „weiße Zelle“ –, rückte Brian O’Doherty seit 1976 den Ausstellungsraum in den Fokus, und zwar als wesentlichen Bestandteil des Kunstereignisses, das nicht nur im Werk selbst liege, sondern auch in seiner Betrachtung, gelenkt durch die Präsentation. Mehr als irgendein Gemälde sei das Bild eines weiß gestrichenen, leeren Raumes kennzeichnend für die Kunst des 20. Jahrhunderts, schrieb O'Doherty und führte aus, dass die ideale Galerie vom Kunstobjekt alle Hinweise fern halte, die seine Existenz als Kunst relativieren könnten.

Unter diesem Stichwort wendet sich die Kunsthalle Bern zu ihrem 100. Geburtstag sich selbst zu: ihren zwar zurückhaltenden, aber doch weit mehr als andere Kunsträume mit eigenem Gepräge versehenen Sälen mit dem Charme der Rundbögen und alten Fenster, des Parketts und Deckendekors. Und richtet passend eine Ausstellung aus, deren Objekte auf den Raum und dessen Einrichtung zielen, wenn auch nie ohne Brechung oder Fragezeichen. Da versammeln sich Gegenstände, die ihre Gebrauchsfunktion verloren haben, wie der „Untitled Chair“ von Nicole Wermers (*1971), der nicht mehr zum Sitzen gedacht ist und eine Pelzjacke trägt, als trete er selbst an die Stelle des Menschen. Oder die Wohnzimmerlampen von Marc Camille Chaimowicz (*1947), die sich ganz fehl am Platze in fremder Umgebung wiederfinden, zum Zitat gerinnen, zur bloßen Erinnerung an häusliche Behaglichkeit. Die Klapp-Wickeltische von Nicole Wermers offenbaren einen Terrazzoboden als Auflagefläche, der sie in eine neue, sinnlose Funktion überführt. Ein Holzkubus von Vaclav Pozarek (*1940) mit darauf abgelegtem Stuhl entledigt sich in seiner in sich gekehrten Ruhe völlig des Gebrauchsaspekts, geht ins ästhetische Sein über, ebenso wie die verwittert-zerkratzt-durchlöcherten Wandstücke, die Anita Leisz  (*1973) als Bilder an die Wand hängt und zum schönen Objekt erklärt (was ihr auch in wunderbarer Weise gelingt). Alle haben sie ihre ursprüngliche Funktion vergessen oder verloren, sind sinnlos, nutzlos, sich selber fremd geworden, als sei ihre Funktionalität überaltert oder eine schwer zu haltende Bürde, etwas Lästiges, Abzuwerfendes.

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Die Zelle, Kunsthalle Bern, 2018, Installationsansichten, Fotos: Gunnar Meier
Andere Objekte wecken nur sehr halbherzig den Anschein, als rührten sie von Gebrauchsgegenständen her, wie Marc Camille Chaimowicz‘ seltsames Holzgestell zwischen Sessel, Treppe und Chaiselongue oder „Hwarl“ von Magali Reus (*1981), eine humorvoll-karikaturistische Kreuzung aus Fabrikgerät, Garderobe, Regal und physikalischem Versuchsaufbau – seltsame, unschlüssige Hybride, in einen falschen Körper, an einen falschen Ort gefallen, die Erinnerung an etwas heraufbeschwörend, das sie nie waren. Noch andere entstammen völlig unbekannten Zusammenhängen, streben fantastische Ziele an, wie die kubischen Plexiglaskonstruktionen Manuel Burgeners  (*1978), die wie Möbelstücke ihr Eigenleben im Raum beanspruchen, ohne solche zu sein.

So stehen Befragung, Verlust und Auflösung von Funktion und Funktionalität im Mittelpunkt der Ausstellung. Die Werke widersetzen sich der Zweckhaftigkeit und Verstehbarkeit oder kommen damit nicht zurecht, bewegen sich in andere Sinnzusammenhänge hinein, verlieren ihr altes Wesen, ohne immer etwas Neues werden zu können, und verweisen so auf Vorgänge und Existenzformen unserer Zeit, auf Sinn, Last und Schwierigkeiten eines Lebens in einer durchfunktionalisierten, vom Zweck regierten, dem Optimierungszwang unterworfenen Welt. Sie beschäftigen sich mit der Eigenart des Menschen, seine Räume zu strukturieren, zu beleben, zu verändern, zu verschönern, zu vernachlässigen, zu zerstören. Und zugleich ist die Frage nach Bestand und Verlust von Funktionalität eng mit der Frage nach dem Kunstcharakter verschwistert, wiederum an die Idee der „weißen Zelle“ anknüpfend, mit der Ausstellung als Kunstobjekt verliert der Alltagsgegenstand bereits seine Gebrauchsfunktion. Allein der Blick, die Benennung machen den Gegenstand zum Kunstwerk. Auch dies erzählt die „Zelle“, dass der Kunstcharakter wesentlich nicht in der dinglichen Gestalt liegt, sondern im gedanklichen Gehalt.    

 

Die Zelle.
Kunsthalle Bern
Helvetiaplatz 1, Bern.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 11.00 bis 18.00 Uhr, Samstag und Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 6. Mai 2018.

 

 






Kunsthalle Bern