11/04/18

Von der Fasznation des Zettelkatalogs

Die US-amerikanische Konzeptkünstlerin Taryn Simon beweist im Kunstmuseum Luzern einmal mehr, dass Ordnungen nicht neutral sind

von Tiziana Bonetti

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Taryn Simon, Folder: Swimming Pools, 2012  © Taryn Simon, Courtesy Gagosian Gallery
Kunst als Archiv ist ein verbreitetes Phänomen in der Gegenwartskunst. Hal Fosters berühmter Essay „An Archival Impulse“ (2004) legt davon beredtes Zeugnis ab. Darin führt Foster das Interesse der Künstler an Archiven auf den Umstand zurück, historisch verdrängte Informationen physisch zugänglich zu machen, ohne diese zwingend als abgeschlossene Projekte zu präsentieren. Dieser Aspekt des Unfertigen und Fragmentarischen ist auch den Archivarbeiten von Taryn Simon (*1975) eingeschrieben, von denen derzeit eine Auswahl im Kunstmuseum Luzern zu sehen ist. Mit dem Ausstellungstitel „Shouting is under Calling“ nimmt die Künstlerin das ordnende Element ihrer Kunst vorweg. Der Titel ist eine Reminiszenz an den Zettelkatalog des Bildarchivs der New York Public Library, in dem das Suchwort „Shouting“ unter dem Überbegriff „Calling“ abgelegt ist. In der Werkserie „The Picture Collection“ (2013) zeigt Simon zu Collagen montierte Bilder, die in eben diesem Archiv jeweils unter demselben Schlagwort zu finden sind. So zeigt die Collage „Folder – Abandoned Buildings & Towns“ übereinander gelegte Fotografien von Gebäuden, wobei Ordnung und Auswahl der Bilder den ästhetischen Präferenzen der Künstlerin untergeordnet sind. Entsprechend bricht Simon mit der streng reglementierten Ordnungssystematik von Archiven, wenn sie das Arrangement der Bilder subjektiven Kriterien zugrunde legt.

In ihrem künstlerischen Schaffen setzt sich die US-amerikanische Künstlerin neben Zettelkatalogen auch mit Vorurteilen, Machtverhältnissen und Systemen ihrer Erhaltung auseinander; Parameter, die unsere Wahrnehmung der Welt wesentlich prägen. Diesem Anspruch trägt auch die Arbeit „Contraband“ (2012) Rechnung, die 1075 Aufnahmen umfasst. Klassifiziert nach Inhalt zeigen die an den Museumswänden zu Gruppen sortierten Fotografien Gegenstände, die von der amerikanischen Zoll- und Grenzschutzbehörde des John. F. Kennedy International Airports sichergestellt wurden. In situ hat Simon die konfiszierten Waren in Form einer Dauerperformance von fünf Tagen einzeln abgelichtet. Mit den vor neutral-weissem Hintergrund fotografierten Objekten wie Zigaretten oder Paprikaschoten räumt die Künstlerin Vorurteile von angeblich gefährlichen und kriminellen Schmuggelwaren vom Tisch. 

Für weniger harmlos als die beschlagnahmten Konsumgüter am Flughafen sind die in Mahagonirahmen gefassten Aufnahmen von Blumengestecken zu befinden, die Simon anlässlich der Werkserie „Paperwork and the Will of Capital“ (2015) nachgestellt hat. Indem die auf den ersten Blick unschuldigen Bouquets Zeremonien der Unterzeichnung von politischen Vereinbarungen flankieren, werden die blumigen Arrangements zu stillschweigenden Trägern politischer Bedeutung. Dies umso mehr, als Simon im seitlichen Fensterfeld jedes Rahmens die Gestecke mit der passenden Legende versehen hat. Durch diese wird der florale Tafelaufsatz in Bezug zum politischen Kontext lesbar. So steht das blühende Ensemble von Flamingoblumen, Orchideen und Edelrosen nach der Lektüre aufs Mal für eine Absichtserklärung zwischen Kambodscha und Australien, in der die Übersiedlung von Flüchtlingen vereinbart wird.

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Taryn Simon, Bratislava Declaration. Bratislava, Slovakia, August 3, 1968, 2015,  © Taryn Simon, Courtesy Gagosian Gallery
Dass Bildersuchmaschinen ebenso wenig neutral sind, wie die blumenverzierten politischen Vereinbarungen zwischen mächtigen Repräsentanten von Nationen, bringt Simon in der Arbeit „Image Atlas“ (2012) pointiert zum Ausdruck. Weltweit mit lokalen Suchmaschinen vernetzt, untersucht Simons Atlas kulturelle Differenzen, indem die ersten Bildtreffer für spezifische Suchbegriffe erschlossen und in tabellarischer Ansicht international verglichen werden können. In einem eigens dafür abgedunkelten Raum können die Museumsbesucher gleich selber zu aktiven Nutzern des Programms werden. Basierend auf einer webbasierten Installation anerkennt „Image Atlas“ nicht nur die zunehmende Bedeutung visueller Kommunikation im Internet und in den Medien, sondern legt zudem offen, dass die nach spezifischen Begriffen erfolgende Bildsuche im Web zu unterschiedlichen Treffern und damit Bildinterpretationen führen kann.       

 

Taryn Simon: Shouting is under Calling.
Kunstmuseum Luzern
Europaplatz 1, Luzern.
Öffnungszeiten: Dienstag, Donnerstag bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr, Mittwoch 11.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 17. Juni 2018.

 

 






Kunstmuseum Luzern