07/11/11

Vom Wasserspeier zum erweiterten Werkbegriff

Die Bilder sind im Kopf: Die Retrospektive von Franz Erhard Walther in der Heilbronner Kunsthalle Vogelmann.

von Leonore Welzin
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Die Bilder sind im Kopf: Die Retrospektive von Franz Erhard Walther in der Heilbronner Kunsthalle Vogelmann.Franz Erhard Walther

Ein Foto aus dem Jahr 1958 überrascht in der Heilbronner Franz Erhard Walther-Ausstellung: Der 19-Jährige, damals Student der Werkkunstschule Offenbach, sitzt im Schneidersitz vor einer Schüssel, eine Wasserfontäne sprüht in hohem Bogen durch die Luft. „Versuch eine Skulptur zu sein“, so der anspielungsreiche Titel der Aktion. Will der Künstler den Zeitfluss anhalten, um das Flüssige zu verfestigen und begreifbar zu machen? Definiert er sich selbst als fleischgewordenen Wasserspeier, analog zur Kunstgeschichte jener steinernen Figuren, die seit der Antike am Dachtrauf angebracht werden?

Innerhalb der Werkschau „Die Bilder sind im Kopf“, mit rund hundert Arbeiten aus fünf Jahrzehnten, kann das Frühwerk als Ausgangspunkt einer künstlerischen Entwicklung betrachtet werden, der jüngst mit dem Ankauf seines „1. Werksatzes" (1963-1969) durch das Museum of Modern Art in New York, mit Ausstellungen in namhaften Museen wie dem Centre Pompidou in Paris (2011) oder dem Kunstmuseum Luzern (2010) besondere Aufmerksamkeit zukommt. Mit dem Ernst Franz Vogelmann-Preis für Skulptur hat die Laufbahn einen vorläufigen Höhepunkt erreicht. Der 1939 in Fulda geborene Konzept- und Installationskünstler wurde damit im vergangenen Jahr für sein künstlerisches Lebenswerk ausgezeichnet. Ausschlaggebend für die Jury unter Vorsitz von Pia Müller-Tamm, Direktorin der Kunsthalle Karlsruhe, war Walthers „vollkommen neuer Umgang mit Skulptur", der den traditionellen Material- und Werkbegriff grundlegend verändert habe. Nun revanchiert sich der viermalige Documenta-Teilnehmer und Kunstprofessor, der über drei Jahrzehnte, bis 2005 die Bildhauerklasse an der Kunstakademie Hamburg geleitet hat, mit einer eigens für Heilbronn konzipierten und eingerichteten Retrospektive.

Walther ermuntert den Betrachter zum Betreten seiner „Sieben Schreitsockel“ (1975), bittet „Den Körper hinzu“ (1983) oder lockt mit Titeln wie „Die Plastik ruft den Körper“ (1986). Wer die Aufforderung annimmt, um Teil der meterhohen Wandformationen aus Segeltuch zu werden, bekommt vom Museum Überschuhe. Wie die frühen Anwendungen des „1. Werksatzes" aussahen, zeigt ein Videozusammenschnitt, der in Ausschnitten ritualisierte Aktionen und minimalistische Performances dokumentiert. Zwölf von „Sechzehn Lufteinschlüssen“ in Papier markieren im Jahr 1962 den Wendepunkt der Materialforschungen. „In diesem Jahr entdeckte ich in der Schneider-Werkstatt Frieß, Fulda, an einem so genannten Glanzkissen die Naht für meine Arbeit“, so Walther, dessen Frau Johanna E. Walther (geborene Frieß) seither Werksätze, Buchkörper, Raumelemente und Wandformationen herstellt. Fünfzig Werkzeichnungen (1965-1971) ergänzen den Prozesscharakter, der zur Formulierung eines anderen, erweiterten Werkbegriffes führt. Was 1958 als Versuch begann, verdichtet sich im Laufe der Entwicklung zur Gewissheit eines demokratisierten Kunstverständnisses: „Ich bin die Skulptur“, so notiert er auf einem Skizzenblatt über einen menschlichen Körper. Diese Blätter sind einerseits subtile Dokumente der Ideenfindung, anderseits belegen sie die Bedeutung von Sprache. Sie leiten elegant über zum Ausstellungskomplex das „Neue Alphabet“ in der ersten Etage.

Wortbilder aus den Jahren 1957/58, wie „Bild“, „Sammlung“, „Exposition“ und „Oral“ korrespondieren mit potenziell greif- und betretbaren Stoffskulpturen in M-, O-, W-, H- und Z-Form von 1994. Von der Sprache zum Raum, vom Raum zum Begriff: im zweiten Obergeschoss finden sich 16 „Handlungsbahnen", Stoffrollen mit zusammengefalteten Stoffobjekten in delikaten Farbkombinationen liegen am Boden, an der Wand umgeben von 55 Zeichnungen, die die gleichen Werkstücke in entfaltetem Zustand abbilden. „Das Gedächtnis des Körpers“ nennt der Avantgardist die sinnliche Symbiose aus Malerei, Skulptur, Raum und Publikum.

Franz Erhard Walther: Die Bilder sind im Kopf.
Kunsthalle Vogelmann

Allee 28, Heilbronn.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr.
Bis 20. November 2011.
Kunsthalle Vogelmann