10/04/18

Immer der Schwerkraft nach

Die Bildhauerin Alicja Kwade entführt mit ihrer Einzelausstellung im Zürcher Museum Haus Konstruktiv in andere Dimensionen

von Annette Hoffmann

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Alicja Kwade, LinienLand, 2018, Installationansichten Museum Haus Konstruktiv, 2018, Fotos: Stefan Altenburger, Courtesy the artist, KÖNIG GALERIE, Berlin / London, 303 Gallery, New York, kamel mennour, Paris / London
Alicja Kwade (*1979) ist keine, die sich von mathematischen und physikalischen Problemen schrecken ließe. Im Gegenteil, die Berliner Künstlerin kann durchaus kundig über Gravitationsfelder und mathematische Reihen sprechen. Doch am Ende des Tages, so sagt sie, mache sie Skulpturen. Auch wenn bereits der Titel ihrer Einzelausstellung „LinienLand“ im Zürcher Museum Haus Konstruktiv auf Edwin Abbotts Novelle „Flatland. A Romance of Many Dimensions“ verweist, so folgt sie dieser Spur doch nicht sklavisch wie in einem Versuchsaufbau, am Ende des Tages entscheidet die Ästhetik. Abbott entwickelt in seinem Text eine Gesellschaft auf Basis geometrischer Formen, die für eine soziale Hierarchie stehen. Für manche, unter anderem Frauen, Arbeiter und Soldaten war ein gesellschaftlicher Aufstieg nicht vorgesehen. Daher wurde „Flatland“ als Satire auf die Verfasstheit der viktorianischen Zeit gelesen. Doch Abbott wollte auch in anderer Hinsicht anregen, seine Novelle ist nicht zuletzt ein literarischer Essay über die vierte Dimension.

Wie aus Linien, Dreiecken oder Kreisen Körper oder überhaupt Räume werden, ist eine Frage, die auch Bildhauer umtreiben kann. Wer den ersten Stock des Haus Konstruktiv betritt, sieht sich Kwades Installation „Gegebenenfalls die Wirklichkeit“ gegenüber, die einerseits aus unzähligen Ausdrucken an der Wand besteht, andererseits aus einem Granitstein, der merkwürdige Stufen aufweist, wie man sie von grafischen Artefakten kennt. Beides sind zwei Dimensionen eines Objekts, das so vielleicht nur in der Vorstellung besteht. Oder das eben jener Originalstein ist, der Teil einer anderen Arbeit Kwades war. Der Zwilling, der jetzt in Zürich auf einem Podest ruht, ist die größte denkbar Annäherung an diesen norwegischen Granit. Kwade hat ihn dort besorgt, woher ihren Recherchen nach, der erste Stein stammte. Die Ausdrucke, insgesamt sind es um die 30.000, die teils an der Wand hängen, teils in Archivbehältern im Raum stehen, sind die Daten des gescannten Steins, mittels derer der Wiedergänger aus dem Granitblock gefräst wurde. Wo Kanten statt fließender Übergänge stehen, hat Kwade den Arbeitsprozess angehalten. Diese Kanten sind das Unterscheidungsmerkmal zwischen Kunst und Natur. Wer beginnt, über Alicja Kwades Werke nachzudenken, ist schnell bei Musilschen Parallelaktionen oder beginnt über philosophische Kategorien der Wahrnehmung zu reflektieren.

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Alicja Kwade, Gegebenenfalls die Wirklichkeit, 2017, Installationansichten Museum Haus Konstruktiv, 2018, Fotos: Stefan Altenburger, Courtesy the artist, KÖNIG GALERIE, Berlin / London, 303 Gallery, New York, kamel mennour, Paris / London
Das Schöne an Alicja Kwades Werk ist, dass sich ihr intellektueller Anspruch an sich selbst und an die Kunst, so konkret wie autonom materialisiert, so dass diese den Betrachter auch immer körperlich fordert. Kwade belässt es nicht bei Denkbildern, in ihren Arbeiten mag viel europäische Geistesgeschichte stecken, doch für einen Witz war sie sich noch nie zu schade. Oft sind es Doppelgänger oder Spiegel, die einen über die Fragen nach dem Bild, dem Abbild oder der Wirklichkeit nachdenken lassen. Das poetische Moment ihrer Arbeiten ist die kleine Irritation, die einsetzt, sobald man die eigene Wirklichkeit angesichts ihrer Installationen neu formieren muss. Bei Kwades eigens für das Erdgeschoss des Haus Konstruktiv geschaffenes „LinienLand“ ist diese dann ein bisschen größer. Kwade hat ein begehbares Raster aus schwarz überzogenem Stahl in die Halle gesetzt, in das siebzehn verschieden große Kugeln eingepasst sind. Sie sind aus unterschiedlich farbigem Naturstein, wie er etwa in Indien, Schweden, Brasilien oder Italien gefunden wird. Die Leichtigkeit, mit der diese tonnenschweren Elemente in diesem System zu schweben scheinen, hat etwas Surreales. Kwade, die diese Module dem Minimalismus entliehen hat, verbindet diese mit physikalischen Vorstellungen der Gravitation. Wer sich in dieses dreidimensionale Raster hineinbegibt, merkt, wie es die eigene Raumwahrnehmung verändert. Die Schwere und auch die Aufladung durch das Alter der Steine entheben einen für einen Moment aus dem eigenen Zeit-Raum-Kontinuum.       

 

Alicja Kwade: LinienLand.
Museum Haus Konstruktiv
Selnaustr. 25, Zürich.
Öffnungszeiten: Dienstag, Donnerstag bis Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr, Mittwoch 11.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 6. Mai 2018.

 

 






Haus konstruktiv