09/04/18

Schon dabei oder noch inspiriert?

Im Kunstmuseum Thun kann man mit Jeppe Hein den Atem fließen lassen

von Annette Hoffmann
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Jeppe Hein, Breath, 2018, Foto: Hendrik Albrecht, courtesy the artist, KÖNIG GALERIE, Berlin, 303 Gallery, New York, Galleri Nicolai Wallner, Kopenhagen
Wenn Jeppe Hein (*1974) Fragen stellt, beantwortet er sie gerne gleich selbst. „Why am I here and not somewhere else“ ist derzeit in Leuchtschrift auf einer verspiegelten Fläche im Kunstmuseum Thun zu lesen. „I am here right now“ lautet die Entgegnung auf dem T-Shirt des dänischen, in Berlin lebenden Künstlers. Man könnte davon ganz irr im Kopf werden, schließlich mag Jeppe Hein zwar nach einer Phase der Überarbeitung die wirklich wichtigen Dinge im Leben entdeckt und sich zentriert haben, doch der Künstler bereitet immer noch zwischen Thun und New York Ausstellungen oder Interventionen im öffentlichen Raum vor. Dafür unterhält er einen großen Stab an Mitarbeitern, für die in seiner Werkstatt gekocht und Yogakurse angeboten werden. „Die Hälfte ist dabei, die Hälfte kann man nur inspirieren“, sagt Hein. Das „here“, an dem sich Jeppe Hein befindet, ist das der globalisierten Kunstszene und das T-Shirt ist im Online-Shop seines Labels erhältlich, das er mit einem Freund führt. Es ist aus zertifizierter Öko-Baumwolle und kostet 50 Euro.

Jeppe Hein ist ein Verführer unter den zeitgenössischen Künstlern. Er hat Charme und einen entwaffnend festen Handschlag. Die Slogans seiner Textarbeiten sind nicht selten von der Schlichtheit eines Motivationsseminars, das einen wieder fit für den neoliberalen Arbeitsmarkt machen soll. Und doch verändert Hein das Verhalten von Menschen im öffentlichen Raum und in Museen. Seine Bänke sind mehr Anleitungen zu Performances als wirkliche Sitzgelegenheiten und auf seine Brunnen mit den sich verändernden Fontänen und Wasserwänden reagieren nicht nur Kinder spielerisch. Es ist Kunst, die die Kommunikation fördert.

Auch jetzt in seiner ersten Einzelausstellung in der Schweiz ist der Betrachter nicht nur Akteur, Jeppe Hein konfrontiert ihn ständig mit sich selbst. Die Spiegel, als Medien der Selbstreflexion, fragmentieren einen, sie vereinen unsere Abbilder mit dem Raum oder proben in „Smoking Bench“ unser Verschwinden. Denn sobald man auf der gepolsterten Bank Platz nimmt, wird eine Nebelmaschine in Gang gesetzt, die das eigene Spiegelbild für kurze Zeit hinter einer weißen Wolke verschwinden lässt bis sich diese wieder auflöst. Ein Spiel und Theaternebel, was sonst?  Die Arbeit, die der Ausstellung ihren Titel gab, „Inhale hold exhale“ oder eben „Einatmen – Innehalten – Ausatmen“ gibt uns gar den Atemrhythmus vor, indem die jeweilige Aktion in Leuchtschrift aufgeblendet wird. Jeppe Heins Kunst ist ein cleverer Mix aus niederschwelligen Angeboten – so können in Thun mit angeschlagenen und mit Farbe gefüllten Klangschalen Bilder gemalt werden oder im Flow des Ein- und Ausatmens die Museumswände blau gestrichen werden – und Eingriffen in unsere Raumwahrnehmung. Oft wirkt das wie ein Antidot gegen die so oft als verkopft verschmähte Konzeptkunst.

Zwei der Ausstellungsräume in Thun sind minimalistisch leer. Doch tatsächlich ist im Spiegelsaal ein Geruch wahrzunehmen, den ein Parfümeur eigens für Hein entwickelt hat. „Stillhet“, auf Deutsch Stille, heißt er und schleicht sich unaufgeregt in unsere Sinne. Für den anschließenden großen Saal des Museums hat Hein ein Leitsystem auf der Basis des Labyrinths entwickelt, das unsichtbar bleibt. Die Signale empfängt der Ausstellungsbesucher über Kopfhörer, sie vermitteln wie bei einem Computerspiel, ob der Weg frei oder durch eine imaginäre Mauer versperrt ist. Und vermutlich ist das In-sich-hinein-Hören wie auch die pure Lust am Spiel das, was Jeppe Hein den Besuchern seiner Ausstellungen vermitteln will. Das kann so uneingeschränkt schön sein wie die Lichterketten, die sich wie ein Sonnenschirm aufrichten oder zusammenklappen, sobald sich jemand auf das Fahrrad schwingt und „Light Pavillon“ mit der nötigen Energie versieht. Sie kann aber auch ambivalent sein, wie das großformatige Raubtier-Gehege „Cage and Mirror“ aus dem Jahr 2011, in das man eintreten kann und sich von einem leichten Schwindel erfassen lassen kann, sobald man in den sich drehenden Spiegel sieht. Es ist Lebenskunst, einmal anders verstanden.     

Jeppe Hein: Einatmen – Innehalten – Ausatmen.
Kunstmuseum Thun
Hofstettenstr. 14, Thun.
Öffnungszeiten: Dienstag, Donnerstag bis Sonntag 10.00 bis 17.0 Uhr, Mittwoch 10.00 bis 19.00 Uhr.
Bis 29. Juli 2018.

 

 

 

 




Kunstmuseum Thun