06/04/18

Mathis Gasser

Der in London lebende Zürcher versorgt die Kunst mit frischem Kinoblut

von Annette Hoffmann

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Mathis Gasser, In The Museum Trilogy, 2017, Ausstellungsansichten Kunsthaus Glarus, mit: In The Museum 3, 2015-2017, Fotos: Gunnar Meier
Dass Mathis Gasser (*1984) sich für das Kino interessiert, sollte niemanden überraschen, der einmal seine Trilogie „In the Museum“ gesehen hat. Schwer zu sagen, was früher da war: die Kunst oder die Faszination für den Film, in dem Bild-Narrative oft die eigentlichen Erzählstrategien sind. In Gassers Blog gibt es ganze Entwicklungslinien von Architekturfotos oder Reproduktionen von Kunstwerken hin zu fantastischen, oft dystopischen Szenarien, die wie eine Mischung zwischen Disney World, „Game of Thrones“ und Science-Fiction erscheinen. Am Ende wirken die Übergänge fließend. Und vielleicht sind diese Analogien nichts anderes als eine Kulturgeschichte des Unbewussten im Geiste der Popkultur.

Obwohl Gassers „In the Museum Trilogy“ Filmmythen reproduziert, sind die Effekte geradezu analog. Die Figuren werden für den Film nicht animiert, sondern von Hand bewegt. Dabei werden diese ironischerweise wie Kunstwerke gehandhabt und nur mit weißen Handschuhen angefasst. Der Protagonist trägt die Züge des amerikanischen Schauspielers Christopher Walken und bewegt sich durch ein Horrorszenario wie man es aus Genrefilmen oder Computerspielen kennt. Denn Walken wird von Zombies angegriffen. Nun sind es nicht die horrorfilmtypischen Untoten, sondern Kunstwerke. Manche schlagen sich auf die Seite des Helden, während andere ihn bekämpfen. Da verlieren zwei Putzfrauen, die Duane Hanson einmal geschaffen hat, ihre Harmlosigkeit und die Spaghetti von James Rosenquist sehen nach einem Billigtrick in einem Splattermovie aus. So schön eklig kann echtes Gekröse gar nicht aussehen.

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Mathis Gasser, In The Museum Trilogy, 2017, Ausstellungsansichten Kunsthaus Glarus, mit: In The Museum Inventory, 2017, Fotos: Gunnar Meier
Judith Welter, Leiterin des Kunsthaus Glarus, wo Gasser 2017 ausstellte, wertet seine Arbeit einerseits als eine besondere Form der Institutionskritik, andererseits als eine Reaktion auf die „Verquickung von Politik und Unterhaltungsmaschinerie“. Das Museum als Haus der Untoten ist jedenfalls nicht das schlechteste Narrativ. Eine andere Serie „Heroes and Ghosts“ aus den Jahren 2010/11 zeigt Adaptionen von Figuren aus Bildern oder Filmen wie etwa Javier Bardem als Anton Chigurh in der Verfilmung von „No Country for Old Man“ der Coen-Brüder. Mathis Gasser, der in Zürich geboren wurde, studierte zwischen 2005 und 2010 in Genf. Noch im gleichen Jahr ging er dann nach London, um am Royal College of Art seine Ausbildung fortzusetzen und blieb in der britischen Metropole. Ein passendes Umfeld, bedenkt man das unverkrampfte Verhältnis der Engländer gegenüber der populären Kultur. Jedenfalls entstehen nicht nur Filme, Bilder und Drucke, Gasser schafft auch modelhafte Szenarien, die wie Bühnenbilder für Kammerspiele aussehen, und er macht Plastiken. Gut möglich jedoch, dass seine eigentliche Kunstform die Collage ist. Denn Gasser montiert Mythen und popkulturelle Vorstellungen, er arbeitet mit Schrift und gefundenen Bildvorstellungen. Für seine jüngste Ausstellung „The Dark Forest“, die im letzten Jahr in London zu sehen war, übernahm er die maßstabgetreue Darstellung von Raumschiffen eines Schaubildes und kombinierte sie mit einer älteren Plastik. Diese Raumschiffe oder überhaupt Schiffe, die Gasser nicht weniger interessieren, treiben durch das unendliche All oder zumindest über die Ozeane. Doch eigentlich sind es Kassiber, die durch die Zeiten hinweg Geschichten transportieren. Manche erzählen von Neugierde, Abenteuer und Entdeckungen, andere von deren Schattenseite dem Kolonialismus. Cineasten sind ja nicht selten Vertreter einer dunklen Romantik.     

 

Mathis Gasser u.a.: Geist Genf – Figürliche Malerei aus dem Umfeld Genf und HEAD.
Kunsthalle Palazzo Liestal
Bahnhofplatz, Liestal.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 14.00 bis 18.00 Uhr, Samstag bis Sonntag 13.00 bis 17.00 Uhr.
5. Mai bis 24. Juni 2018.

 

 

 




Mathis Gasser
Kunsthalle Palazzo