03/04/18

Sektion der Gegenwart

Eine groß angelegte Schau im Münchner Haus der Kunst sucht nach der Wahrheit in Zeiten von Fake News

von Jolanda Bozzetti
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Ed Atkins, Safe Conduct, 2016, Filmstill (o.r.), © Ed Atkins
Ein warmer Körper liegt aufgebahrt im ersten Ausstellungsraum. Die thermoaktive Skulptur der deutsch-irischen Künstlerin Mariechen Danz (*1980) reagiert mit wechselnden Farben und Temperaturen auf die Berührungen der Besucher. Im Titel „Womb Tomb” – ein Lautspiel mit den englischen Worten für Gebärmutter und Grabmal – klingt die Ambivalenz dieser Arbeit zwischen Entstehen und Vergehen an. Die menschengroße, geschlechtslose Skulptur ist teilweise offengelegt: Herz und Innereien sind zu sehen und zu fühlen. Zahlreiche weitere Organe sind als plastische Nachbildungen vor den Wänden angebracht und werfen unter dem warmen, roten Deckenlicht ihre Schatten an die Wand. Diese sind zusätzlich mit gekritzelten Zeichen versehen. Die Assoziation an Platons Höhlengleichnis liegt nahe – und sogleich die Frage: Was können wir wissen? Was dürfen wir glauben? Vertrauen wir den Sinnen oder dem Verstand?

„Blind Faith – Zeitgenössische Kunst zwischen Intuition und Reflexion“ lautet der Titel der ambitionierten Ausstellung im Münchner Haus der Kunst, welche die digitale Vermittlung einer zunehmend als instabil erfahrenen Welt als Ausgangspunkt nimmt. Die Schau, so das Kuratoren-Team Julienne Lorz, Daniel Milnes und Anna Schneider, möchte „auf das gesamte gesellschaftliche Klima reagieren“, auf eine von Informationsflut gekennzeichnete Welt, in der „blinder Glaube“ gesichertes Wissen zunehmend in Frage stellt und gängige Ordnungen prekär erscheinen lässt. 28 internationale Künstlerinnen und Künstler wurden ausgesucht, die diese Situation mit ihren Arbeiten sehr unterschiedlich reflektieren. Manche setzen ganz auf das Digitale und Virtuelle, andere bleiben bei traditionellen Techniken wie Malerei, Collage und Keramik. Bei allen Unterschieden eint die vielen komplexen Arbeiten das Körperliche, das zwischen Mensch und Maschine, analog und digital, real und virtuell Denken und Fühlen zusammenbringt.

Wie ein riesiges Gedärm schlängelt sich durch die mittlere Ausstellungshalle eine aus Gummischläuchen und bunten Bändern zusammengenähte Plastik des südafrikanischen Künstlers Nicholas Hlobo (*1975), die von einer Gemäldeserie des Münchners Benedikt Hipp (*1977) flankiert wird. Seine „Neonatal Refractions” sind schillernde Lichtbrechungen, die Körperlichkeit abstrahiert und gleichsam organisch wiedergeben. Gänzlich virtuell vermittelt sich Körperlichkeit bei Ed Atkins (*1982). In seiner Videoinstallation „Safe Conduct” entwickelt sich die routinierte Prozedur der Sicherheitskontrolle am Flughafen zu einem Horrorszenario. Scheinbar fremdgesteuert beginnt ein hyperrealer, männlicher Avatar nach und nach seinen eigenen Körper zu zerstückeln, schneidet sich die Hände ab, nimmt seine Augen heraus, zieht sich die Gesichtshaut wie eine Maske ab. Mit seinen verschiedenen Körperteilen und -flüssigkeiten befüllt er die zu scannenden Behälter auf dem Laufband. Die Absurdität dieser automatisierten Handlungen wird von dem unglaublich laut eingespielten „Bolero” Ravels dramatisch kommentiert. In Cécile B. Evans (*1983) raumfüllender Installation wirken die Körper kühl und technisch. Zwei humanoide weiße Roboterfiguren sowie ein kleiner Roboterhund und ein Springbrunnen führen von 27 Bildschirmen umgeben eine Art programmiertes Theaterstück auf, das um den vermeintlichen Tod einer Beauty-Bloggerin kreist, in die der Roboterhund verliebt ist. Obwohl mit auf der Bühne, fühlt sich der Betrachter hier als seltsam außenstehender Fremder. Der Titel „Sprung a Leak” nimmt Bezug auf die zunehmende Durchlässigkeit zwischen privater und öffentlicher Sphäre, aber auch auf die Verbindung von menschlichen Emotionen und technisch gesteuerten Systemen.

Am Ende eines sehr dichten und fordernden Ausstellungsparcours scheint man bei Mary Reid Kelley (*1979) die von Mariechen Danz im Eingangsraum verstreuten Organe wiederzufinden: Leber, Herz, Hirn und Hand einer Frau streiten in dem animierten Schwarz-Weiß-Video „This is Offal” über die Schuld an deren Selbstmord. Die einzelnen Organe entwickeln ein Eigenleben und übernehmen das Denken, losgelöst vom Körper.      

 

Blind Faith – Zeitgenössische Kunst zwischen Intuition und Vertrauen.
Haus der Kunst
Prinzregentenstr. 1, München.
Öffnungszeiten: Montag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 18.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 19. August 2018.

 

 

 

 




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