29/03/18

Die letzten Kuratoren ihrer Art

In einer Überblicksschau in Baden-Baden deuten Kunstschaffende das Ausstellen neu und orientieren sich dabei am Alltag

von Carmela Thiele

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Nevin Aladag, Läufer (Rug), Installationsansicht Art Space Pythagorian, Samos, 2014, Courtesy the artist
Der Titel „Ausstellen des Ausstellens“ ist spröde, aber sagt exakt, was in Baden-Baden geboten wird. Die Besucher durchschlendern jedoch nicht etwa eine Abfolge von Nachbauten, die vor Augen führen, wie früher Gemälde in Ausstellungen angeordnet wurden. Der Wandel von der Wunderkammer über die Petersburger Hängung bis zum White Cube ist nur Thema des Prologs, wo die „Hardware des Zeigens“ nostalgische Gefühle auslöst. Holzvitrinen mit historischen Aufnahmen der Räume in Tylers Museum in Haarlem sind zu entdecken, Sockel in Säulenform, Jugendstilrahmen und alte, einst bei der Hängung verwendete Messstäbe werden zu Ausstellungsstücken in einer „kuratorischen Situation“, während die Skulptur „Moving Bench“ von Jeppe Hein in der Ausstellung zum Möbel mutiert. „Die Weiterentwicklung des Ausstellungsdisplays ist sehr oft von Künstlern ausgegangen“, sagt Direktor Johan Holten, dem mit seinem Team wieder einmal eine Schau gelungen ist, die sich dem üblichen Ausstellungsformat verweigert. Kuratoren, so Holten, seien gut beraten, sich bei ihrer Arbeit an Künstlern zu orientieren. Das klingt radikaler als es vielleicht ist. Fakt ist, dass die Parameter des Ausstellens und die Institution Museum inzwischen zum Themenkanon der zeitgenössischen Kunst gehören.

Im Hauptteil der Baden-Badener Ausstellung sollten keine Nachbauten die Illusion einer bloßen Zeitreise erwecken. Im Gegenteil betont die Schau die Kluft zwischen damals und gestern. Zu sehen sind Fotos von Fredrick J. Kieslers berühmter szenischer Ausstellungsarchitektur für Peggy Guggenheims Galerie „Art of this Century“. Die hat nicht unbedingt Schule gemacht, doch hätte womöglich Guggenheims Sammlung moderner Kunst nicht so viel Aufsehen erregt, wären da nicht die dramaturgisch ausgeklügelte Beleuchtung, die futuristischen Sitzmöbel und Stabkonstruktionen Kieslers gewesen, die den Eindruck weckten, die Bilder von Mondrian, Kandinsky oder Max Ernst würden im Raum schweben. Auch der „Raum der Abstrakten“, den El Lissitzky 1928 für das Provinzialmuseum Hannover baute, können die Besucher in Baden-Baden nur anhand einer Augmented Reality App erkunden. Goshka Macugas Schrankobjekt im selben Raum hingegen ist echt. Darin präsentiert die Künstlerin – wie Lissitzky in seiner geometrisch strukturierten Wandarchitektur – Werke anderer Künstler. Sie bedient sich unterschiedlicher Sammlungsstücke aus dem British Arts Council und verdichtet sie zu neuen Erzählungen. Künstlermuseen sind meist kritische Kommentare zum Museum. Marcel Broodthaers ließ Schilder prägen, die auf ein Museum hinwiesen, das es gar nicht gab. Andrea Fraser nahm in einem ihrer Videos den schwärmerischen Text des Audioguides zur spektakulären Architektur des Gehry-Baus in Barcelona wortwörtlich und verfiel vor Publikum in sexuelle Verzückung.

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John Bock, Abay hoch Bock hoch zwei ist gleich Wurzel aus Eierschale tangiert Kaugummikurve, Konzert im Kölnischen Kunstverein, 2015, Foto: Martin Sommer
„Von der Wunderkammer zur kuratorischen Situation“ heißt der Untertitel der Baden-Badener Schau. Vielleicht hätte er „Von der Wunderkammer zur künstlerischen Intervention“ heißen sollen. Zwar kuratieren Kunstschaffende programmatisch seit den 1990er Jahren, doch blieb und bleibt immer eine Grenze zwischen Kuratieren und Kunst. Grenzen verwischen kann man nur, wenn es noch Grenzen gibt. Als Satelliten mach dies zahlreiche Künstlerinterventionen deutlich. Pae White schuf ein riesiges Marzipan-Avocado-Praliné und verwandelte damit das Schaufenster der Konditorei Rumpelmayer in eine Skulpturen-Vitrine. Maria Miottke entwarf Haute-Couture aus zerlegter Arbeitskleidung und mogelte die Modelle unter die Sommer-Kollektion von Tandem Transit und SØR. Fabian Knecht baute im Park einen Ausstellungsraum für einen toten Baum, der paradoxerweise im White Cube lebendiger erscheint als in der Natur. Mehr als 100 Künstlerinnen und Künstler sind beteiligt und liefern diskrete Blickverschiebungen. Das setzt sich im Katalog fort, in dem anstelle von Fotografien Zeichnungen in den Text eingebaut sind und damit ist auch die Abbildung nicht mehr praktische Gedächtnisstütze, sondern individuelles Notat.  


Ausstellen des Ausstellens.Von der Wunderkammer  zur kuratorischen Situation
Staatliche Kunsthalle Baden-Baden
Lichtentaler Allee 8a, Baden-Baden.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 17. Juni 2018.

 

 




Kunsthalle Baden-Baden