28/03/18

Männer beim Nichtstun

Der italienische Videokünstler Yuri Anacarani erkundet in der Kunsthalle Basel die neue Kultur des dolce far niente

von Yvonne Ziegler

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Yuri Ancarani, Installationsansichten „Sculture” in der Kunsthalle Basel, 2018: The Challenge, 2016, Foto: Nicolas Gysin, Kunsthalle Basel
Kulturelle Vergangenheit bestimmt unseren Lebensalltag, mehr oder weniger bewusst. Die männliche Elite Katars führt beispielsweise auf höchst eigene Weise das Beduinenleben ihrer Vorfahren weiter. Nicht nur wird mitten in der Wüste unter Zeltplanen genächtigt, sondern man pflegt auch die Falknerei. Der ästhetisch-dokumentarische Film „The Challenge“ (2016) des italienischen Künstlers Yuri Anacarani (*1972) vergegenwärtigt in wunderschönen langsamen Einstellungen den Müßiggang luxusverwöhnter Männer. Mit langen weißen Gewändern bekleidet fahren sie in teuren Geländewagen in die Wüste. Von Kamelen keine Spur. Die sind nur für Touristen. Am Versammlungsort werden die Motoren aufgeheizt bevor die schweren Wagen die Abhänge der umgebenden Sanddünen umrunden. Unsichtbaren Eingebungen folgend macht sich der eine oder andere auf. Sie scheinen von Moment zu Moment zu leben, sich im stillen Rhythmus der Gemächlichkeit treiben zu lassen. Eine Kameraeinstellung zeigt einen Scheich, der mit seinem Leoparden auf dem Beifahrersitz im Lamborghini in die unendliche Weite des Nichts fährt, die zum Treffpunkt einer neuen Kultur des dolce far niente, des süßen Müßiggangs geworden ist. Mit Smartphone und Lieblingstieren auf vergoldeten Sesseln sitzend vergeht die Zeit. Falken werden per Telefon auf Auktionen ersteigert und in großen Hallen gehalten. Drohnen steigen in die Lüfte. Dem majestätischen Flug des Greifvogels folgt man mit offenem Verdeck. Die angehängte Kamera zeigt, wie er in der Luft seine Beute schlägt. Immer wieder braust eine Motorradgang durch eine an Nevada erinnernde Landschaft, unter den Maschinen blitzt eine vergoldete Harley-Davidson auf. Als es Zeit zum Abendgebet ist, reinigen sich die Männer in Motorradkluft die Hände mit Sand, ziehen die Schuhe aus und knien auf ihren Teppichen. Moderne, vom westlichen Kapitalismus übernommene Codes, Symbole und Waren werden der eigenen Lebensart angepasst.

ancaranidavinci.jpgYuri Ancarani, Installationsansichten „Sculture” in der Kunsthalle Basel, 2018: Da Vinci, 2012, Foto: Nicolas Gysin, Kunsthalle Basel
Einen anderen Bezug zur Vergangenheit zeigt Ancaranis neuster Film. Auf Haiti wird der sogenannte „Peitschende Zombie“-Trancetanz zelebriert. Offensichtlich sind die generationsübergreifenden Traumata der Sklaverei fester Bestandteil einer kulturellen Identität geworden. Ancarani verzahnt das Knallen der Peitschen, das Klingen der Blasinstrumente und Klopfen der Trommeln mit den präzisen Hammerschlägen beim Punzen von Blech. Der organisch dichte Rhythmus der ärmlich lebenden Handwerker Haitis steht im Kontrast zum Ennui der reichen Wüstenbewohner im Nebenraum. Handwerk, Arbeit und Müßiggang spielt auch in den anderen in der Kunsthalle Basel gezeigten Filmen eine Rolle. Man sieht Männer bei strömendem Regen frühmorgens Kabel aus dem Erdboden ziehen, die später für die Fernsehübertragungen des Mailänder Fußballstadions gebraucht werden. Handgriff um Handgriff schaffen sie die Infrastruktur eines Massenevents, stellen Absperrungen auf, verjagen Tauben mit Knallern und versorgen den Rasen, während die Massen bereits johlend durch die kurvenden Aufgänge strömen. Die Kamera ist dicht bei den Händen, weniger bei den Gesichtern, kaum beim Ganzen, denn dieses kreiert der Zuschauer aus den Filmfragmenten eines Tagesverlaufs. Am Schluss rollt der verspiegelte schwarze Bus mit den Stars an.

Neben dem Tagewerk sind es die Maschinen, die Ancaranis Darlegung männlicher Stereotypen dienen. Da ist der Bauarbeiter mit nacktem gebräunten Oberkörper, der mit Handgesten die Männer in den Baggern anweist, schwere Marmorblöcke orchestriert zu bewegen. Oder da leben Männer allesamt mit weißer Unterwäsche bekleidet in einem Röhrensystem am Fuße einer Gasförderplattform auf Tauchstation. Und schließlich führt Ancarani einen Medizinroboter ins Körperinnere. Langeweile, Sterilität und medialisierte Bezüglichkeit zum Operationsort lassen den menschlichen Körper zur befremdenden atmenden Ware werden. Am Ende spielt ein Operateur mit den Greifern des Roboters Domino. Die Ersetzung männlicher Muskelkraft durch Maschinen endet im merkwürdig dystopischen Zeitvertreib.         

 

Yuri Ancarani: Sculture.
Kunsthalle Basel
Steinenberg 7, Basel.
Öffnungszeiten: Dienstag, Mittwoch und Freitag 11.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 11.00 bis 20.30 Uhr, Samstag und Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr.
Bis 29. April 2018.

 

 

 

 

 




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