27/03/18

Die Existenz als Modell und Idee

Jean-Pascal Flavien hat im Heidelberger Kunstverein ein Haus gebaut, das Wohnbedürfnisse strikt negiert und zur Improvisation auffordert

von Christian Hillengaß

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Jean-Pascal Flavien, house with things behind, 2018, Ausstellungsansichten Heidelberger Kunstverein, Fotos: Thilo Ross, Heidelberg
Jean-Pascal Flavien (*1971) hätte das Zeug zum Enfant Terrible der Architektur. Zum Glück ist er Künstler. Häuser baut er trotzdem. Zumindest nennt er die Objekte, die er aufstellt, so. „Dancers house“ zum Beispiel, „breathing house“, „two person house“ oder „no drama house“. Selten jedoch entsprechen sie den Ansprüchen, die man gemeinhin an ein Haus hat. Gerade das „no drama house“ sagt viel über die Grundhaltung seines Bauens. Flavien nimmt das Drama heraus, er löst sich vom Zwang der Normen, der Funktion und der Erwartung. Selbst die tollkühnste Avantgarde-Architektur muss sich an Regeln halten und trägt Verantwortung. Flavien dagegen ist frei. Erfrischend frei. So entstehen fantasieanregende, poetische und humorvolle Bauten, deren Dimensionen und Raumanordnungen von Betrachtern, Besuchern und Bewohnern eine Anpassung fordern. In ihrer Außergewöhnlichkeit stoßen sie nicht nur mit zu niedrigen Türrahmen vor den Kopf. Flaviens Konstruktionen lassen Funktionserwartungen ins Leere laufen, sie weichen innere Formansprüche auf und weiten den Blick auf die Architektur im Allgemeinen.

Im Heidelberger Kunstverein steht nun das „house with things behind“, das Flavien eigens für den Ort gebaut hat. Im Himmelblau eines ungetrübten Sommertages leuchtet die 4,20 Meter hohe Fassade in der weißen, lichtdurchfluteten Halle des Kunstvereins. Schon allein das Zusammenspiel des blauen Objektes mit der klaren Architektur der großen Halle erzeugt einen satten Raum- und Farbeffekt. Verstärkt wird er durch weiße Lackfolien, die sich von den Hallenwänden über den Boden ausrollen als wären die Wände des Kunstvereins beliebig ausziehbar. 

Ein roter Wollstrang der aus einem Fenster des Hauses hängt, macht neugierig auf die „things behind“. Im krassen Kontrast zur aufgeräumten Fassade und einem penibel sauberen Vorgartenbereich ist das Innere des Hauses bis weit unter das nicht vorhandene Dach mit Dingen vollgestopft. Schaumstoffmatten und große Ballen aus Stahlwolle türmen sich dort, dazwischen liegen Lederfetzen, lange Dochte aus Merinowolle und schwarze Müllsäcke. Eine Plane aus wattiertem Outdoorstoff bildet zwischen einer Hauswand und dem Boden ein kleines Zelt – vielleicht der einzige Ort in diesem Chaos, der zumindest etwas Geborgenheit vermittelt. An einer anderen Wand ist ein Rucksack als provisorischer Schrank angebracht. Ein neongelbes Plastikbrett mit der Gravur „replaced by words, sink“ ersetzt die physische Anwesenheit eines Waschbeckens.

Von der Galerie des Kunstvereins bietet sich ein Einblick von oben in das Haus. Sie könnte auch die Dachterrasse des Hauses sein. Wie unberührt vom Chaos stehen hier zwei rotlackierte Stühle, die Stahlrohre ihrer Armlehnen ineinander verschlungen, als hätten sie sich liebevoll oder ängstlich untergehakt. „Entangled chair“ schafft einen ruhigen, enthobenen Kontrapunkt zum Chaos im Haus. Am anderen Ende der Galerie findet sich ein kleines Modell des „house with things behind“, sowie ein Buch mit einer Kurzgeschichte, die Flavien dazu geschrieben hat. Die Existenz als Modell und Idee, sowie sein Vorkommen in der Geschichte wird das Haus auch über seinen Abriss zum Ende der Heidelberger Ausstellung weiterleben lassen. Eine weitere Fortexistenz räumt ihm Flavien durch einen menschlichen Bewohner ein. Tatsächlich wird das „house with things behind“ temporär von einer Person behaust werden. Mit seinem „inhabitant“ Felix Uttig hat Flavien bewusst eine sehr große Person ausgewählt, die mit ihrer körperlichen Präsenz noch einmal mehr unterstreicht, dass sich das Haus mit seinen beschränkten Maßen und Möglichkeiten keineswegs an die Wohnbedürfnisse des Menschen anschmiegt, sondern ihn auf sich zurückwirft und ihn zur Improvisation auffordert. Felix Uttig wird das Andenken an das „house with things behind“ weitertragen, wenn es nicht mehr physisch existiert. Genau wie alle, die dieses merk-würdige Gebäude besuchen und bestaunen werden.  

 

Jean-Pascal Flavien: House with things behind.
Heidelberger Kunstverein
Hauptstr. 97, Heidelberg.
Öffnungszeiten: Dienstag, Mittwoch, Freitag 12.00 bis 19.00 Uhr, Donnerstag 15.00 bis 22.00 Uhr, Samstag bis Sonntag 11.00 bis 19.00 Uhr.
Bis 22. April 2018.

 

 






Heidelberger Kunstverein