26/03/18

Die immanente Systematik der Dinge

In der Rudolf Scharpf Galerie schafft Maria Tackmann eine komplexe Realität aus Zufällen

von Christel Heybrock

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Maria Tackmann, Foto © David Heitz
Das Etablissement hat seine Tücken: Die Scharpf-Galerie des Ludwigshafener Wilhelm-Hack-Museums war einst das Wohnhaus des Malers Rudolf Scharpf, der es der Stadt vermachte zur Förderung von Nachwuchstalenten. Es ist alles etwas eng hier, die drei Etagen sind über eine Wendeltreppe in der Mitte verbunden, und das Ganze befindet sich in Hemshof, einem stark von Migranten geprägten Arbeiterviertel. Für die in Karlsruhe lebende Künstlerin Maria Tackmann (*1982) dürfte es ein idealer Ak­tionsort gewesen sein.

Sie sammelt, ordnet, kombiniert und zeigt: Das, was wir unter den Füßen haben und wegen seiner Banalität oft gar nicht erst ins Bewusstsein lassen – die trockenen Blätter, die keiner weggefegt hat, die schmutzigen Papierfetzen, die den Mülleimer nicht gefunden haben, die bröselnden Fragmente kaputter Gehwegplatten, herabgefallene Putzbrocken, Glasscherben. Die Fundstücke liegen auf dem Boden, hängen an der Wand, nehmen den Rhythmus des Grundrisses auf, und man muss immer wieder hinsehen, um die immanente Systematik der Dinge zu erahnen, die wir sonst als kaum existent betrachten. Dabei erweisen sich diese Nicht-Dinge als latent poetisch: Am wunderbarsten der erste Eindruck, wenn man das Haus betritt, und der letzte, wenn man es verlässt. Aus dem Erdgeschoss machte Maria Tackmann eine geheimnisvolle dunkle Höhle mit fast sakral anmutenden Lichtquellen. Sie deckte Glastür und großes Fenster mit stellenweise zerfetzter schwarzer Folie ab, so dass wenige Lichtstrahlen von außen eindringen, und akzentuierte die Dunkelheit mit hinter Bast, Pappe und anderen Materialien verborgenen Glühbirnen, eine Nische nutzte sie für eine Hängeleuchte.

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Maria Tackmann, Foto, © David Heitz
Es ist eine Einstimmung für die beiden Obergeschosse, von denen sie eines fast spektakulär bestückte: Angepasst an den schmalen Längsraum neben der Wendeltreppe, platzierte sie eine Art langen Tisch, mit Sand befüllt und mit „Büchern“, deren Seiten aus verschiedensten Papieren bestehen – schmutzige Wasserspuren, Abdrücke von Gittern und Kieselsteinen, benutztes Schleifpapier, Blätter teilweise mit Linienzeichnungen oder Quadratrastern bedeckt, das ganze Programm, das sich dann auch mit einzelnen Blättern über die Wände fortsetzt. Diese Papiere gaben auch dem Katalogbuch die Inspiration: Es ist eher eine Mappe mit präzisen Faksimiledrucken, die einen weiteren Akzent von Maria Tackmanns Arbeit deutlich machen – die Überlagerungen, das Bedeckte, das aus unteren Schichten hervorblitzt, fleckig, mit abgerissenen Ecken, schmutzgetränkt. Im Kosmos der Künstlerin gehört alles zusammen, die Dinge bilden Schichten einer komplexen Realität aus Zufall, Artefakten und Zerfall. Man stelle sich vor, es gäbe das alles nicht und die Welt sei so, wie wir sie eigentlich haben wollen – bereinigt von Unnützem, Kunst und Nutzen säuberlich getrennt, alles durchschaubar und, nun ja, steril. Was Maria Tackmann dagegen bewusst macht, ist der Bodensatz der Wirklichkeit, der lebendige Humus, der seine eigenen Wirkkräfte und seine eigene Poesie hat.     

 

Maria Tackmann, Zeichen.
Rudolf Scharpf Galerie
Hemshofer Str. 23, Ludwigshafen.
Öffnungszeiten: Donnerstag bis Sonntag 13.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 8. April 2018.
Zur Ausstellung ist ein Künstlerbuch erschienen: Wienand Verlag, 64 S., 15 Euro.


 






Wilhelm-Hack-Museum