23/11/11

Zerlegte Kunst

Auf der Suche nach der kleinsten Einheit: Teresa Burga im Württembergischen Kunstverein in Stuttgart.

von Valérie Hasenmayer
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Auf der Suche nach der kleinsten Einheit: Teresa Burga im Württembergischen Kunstverein in Stuttgart.Teresa Burga

Eine Mathematikerin, Dekonstrukteurin, Metzgerin der Kunst. So könnte man Teresa Burga beschreiben. Denn die Peruanerin zerlegt gerne – Sätze, Tatsachen, Forschungsergebnisse in ihre Einzelteile, Figuren, Ansichten und Oberflächen in ihre Geometrie, Kunstwerke in ihre eigene reine, nüchterne Beschreibung, Klischees und Vorurteile in ihre Grundlagen. Im Württembergischen Kunstverein in Stuttgart kann man derzeit Burgas vorwiegend konzeptuellen Praktiken auf den Grund gehen. Für ihre Zeit und für die Zustände in ihrem Land war Teresa Burga außergewöhnlich. Vielleicht zu außergewöhnlich. Jahrzehntelang wurde sie kaum beachtet, lebte, entsprechend ihrer beinahe bürokratisch anmutenden Kunst, von einem Job bei der Zollbehörde. Jahre später wird ihr gesamtes Schaffen gewürdigt. Ihre Retrospektive, auf der die „Chronologie“ im Kunstverein basiert, wurde 2010 mit großem Erfolg im Instituto Cultural Peruano Norteamericano gezeigt und 2011 ist sie auf der Istanbul-Biennale vertreten.

Anfang der 1960er Jahre studierte Teresa Burga an der konservativen katholischen Universität in Lima und schloss sich später der Gruppe Arte Nuevo an, die die Kunstwelt in Peru mit Pop-Art und wilden Collagen revolutionierte. Die junge Peruanerin blieb aber nicht nur den bunten Flächen verhaftet. Grelle Pop-Art-Werke bringen bei ihr ironisch-feministische Aspekte zum Vorschein, und dekorative Installationen aus Kuben leiten über zur immer wieder überraschenden Exaktheit in verschiedenen Darstellungsarten. Eine der spannendsten Arbeiten spielt mit Sprache und deren Bedeutung, Geometrie und medialer Informationsverarbeitung. In „Quatro Mensajes“ hat Burga im Jahr 1974 vier zufällig aufgezeichnete Sequenzen aus dem peruanischen Fernsehen regelrecht auseinandergenommen. Die 27 Wörter eines einzelnen Satzes werden so beispielsweise in unterschiedlichen Versionen in ihre Bestandteile zurückgeführt: in Dreiecken aus auf der Schreibmaschine übereinander getippter Buchstaben, in ein eigenes Reihen-System eingeordnet, das sich an der Tastaturanordnung der Schreibmaschine orientiert oder ersetzt durch die passende Definition aus dem Lexikon. Akribisch, ganz nah an Inhalten und Zeichen, und doch ganz fern von der tatsächlichen Aussage.

Mit Weite und Nähe scheint Teresa Burga ohnehin immer wieder zu spielen, sowie mit der verschiebbaren Bedeutung und Ansicht der Objekte, die sie in Raster zwängt, mit Zahlen und Messungen versieht. So entdeckt man in ihrem Werk diverse Zeichnungen, die einem architektonischen oder erfinderischen Entwurf oder auch einer Versuchsreihe gleichen und dennoch einer gewissen Romantik und Poesie nicht entbehren: wundersame Gefährte mit Zentimeterangaben und den genauen Uhrzeiten, in denen sie entstanden sind, aber nicht wirklich fahrtüchtig wirken, der Uterus einer Frau, von Linealstrichen ummessen. Und selbst die eher lieblich anmutenden Zeichnungen von Modepüppchen aus Zeitschriften weisen gerne ein Raster auf – nicht nur in Form der glatt gebügelten, teils deformierten Gleichförmigkeit, sondern auch im Schachbrettmuster des Küchenbodens oder der Handtasche. Die Rolle der peruanischen Frau und das passende Idealbild steht immer wieder im Mittelpunkt – wie auch in der Installation „Perfil de la Mujer Peruana“ (Profil der peruanischen Frau, 1980–1981): Ergebnisse eines aufwändigen Forschungsprojekts werden hier auf kurios ästhetische und wiederum leicht ironische und entzerrende Art und Weise dargestellt.

Und schließlich hat Teresa Burga auch sich selbst dekonstruiert. In „Autorretrato. Estructura. Informe. 9.6.72“ (Selbstporträt. Struktur. Report. 9.6.1972) presst sie ihren eigenen Körper in jene Schemata, die ihren Werken so oft eine scheinbar unangebrachte Akkuratheit verleihen, ihnen aber gleichzeitig die Greifbarkeit nehmen. Millimeterpapier über dem Gesicht der Künstlerin, Aufzeichnungen ihrer Herztöne und Blutwerte, eine Lichtskulptur, die gleichzeitig ihre Herztöne wiedergibt, lösen die Persönlichkeit auf, lassen sie austauschbar und automatisiert wirken. Völlig zerlegt.

Die Chronologie der Teresa Burga.
Württembergischer Kunstverein

Schlossplatz 2, Stuttgart.

Öffnungszeiten: Dienstag 11.00 bis 18.00 Uhr, Mittwoch 11.00 bis 20.00 Uhr, Donnerstag bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 8. Januar 2012.
Württembergischer Kunstverein