22/03/18

Die Choreografie des Filmvorführers

Im Kunstverein München reflektieren Filmarbeiten von Alexandre Estrela und Gusmão & Paiva das Medium Projektion

von Christoph Sehl

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João Maria Gusmão & Pedro Paiva, Heat Ray, 2010, und Alexandre Estrela, Solar Watch, 2006, Courtesy the artists, Installationsansichten aus „Lua Cão”, Kunstverein München, Fotos: Ivo Rick
Allen einundzwanzig Arbeiten der Ausstellung „Lua Cão“ ist gemeinsam, dass sie mal an, mal aus sind, zu unterschiedlichen Zeiten. Das ist prägnant, als zum einen der Kunstverein München komplett abgedunkelt, beziehungsweise schwarz gestrichen ist und zum anderen, es sich bei den Arbeiten um Filmprojektionen handelt. Dieses lux in tenebris folgt einer sehr eigenen Choreografie, die vom Filmvorführer abhängig ist, wie auch der spezifischen Art und Weise, wie in den Arbeiten das Medium Projektion reflektiert wird. In diesem Zusammenspiel entsteht „ein choreografiertes und immersives Bewegtbild-Experiment“, so die Bezeichnung, die als eine Art Untertitel genommen werden kann. In seiner Gesamtheit sucht das jene Bruchstellen auf, die die Erfahrung des Sehens an seinen psychologischen, wie auch physiologischen Wurzeln entstehen lässt.

Kuratiert hat diese Ausstellung Natxo Checa in enger Zusammenarbeit mit dem Künstler Alexandre Estrela und dem Künstlerduo João Maria Gusmão und Pedro Paiva. Gusmão und Paivas filmische Arbeiten konzentrieren sich auf tonlose 16mm-Projektionen und sind in diesem Sinne aus einem analogen Aufnahmeverfahren entstanden. Im Kunstverein stehen die Projektoren offen im Raum, frontal zu den Projektionsflächen, wie Monolithen, hörbar. Die Arbeiten von Estrela forcieren diesen Moment. Sein Schwerpunkt liegt auf digitalen Produktionsweisen, die Videoprojektoren befinden sich zumeist auf dem Boden. Seine Arbeiten sind zum Großteil mit einer Tonspur ausgestattet, einige der Projektionsflächen sind in die Inszenierung des Videos miteinbezogen. Mit diesen zwei Herangehensweisen erzeugt „Lua Cão“ – der Titel bezieht sich auf das optische Himmelsphänomen der Nebenmonde – eine Art Schnittstelle zwischen analogem Film und Video.

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João Maria Gusmão & Pedro Paiva, The Initiate, 2008, Courtesy the artists, Installationsansichten aus „Lua Cão”, Kunstverein München, Fotos: Ivo Rick
In Estrelas Arbeit „Viagem ao Meio“ wird das aufgegriffen. Der Künstler kombiniert eine 16mm- mit einer Video-Projektion. Beide thematisieren den selben Vorgang, den Weg durch einen Tunnel, der durch die Außenschichten eines Vulkans führt. Das analoge Belichtungsmaterial hat er in diesem Tunnel von der Mitte zu einem der Ausgänge ausgerollt und dort liegen gelassen. Im entwickelten Zustand drückt sich die unterschiedliche Nähe zum Ausgang in der beim Sehen kaum wahrnehmbaren Veränderung der Farbe aus. Auf diesen Film ist ein Video projiziert, das mit einer Handkamera aufgenommen, die Annäherung an das Ende des Tunnels wiedergibt. Wie ein tanzender, lichter Kreis schreibt sich die digitale Projektion in die zu jedem Zeitpunkt monochrome, analog erzeugte Flächigkeit ein. Die Fragestellung, welcher Teil dieser Arbeit näher an der Wirklichkeit ist, vermag im Ansatz eine Vorstellung zu geben, worin Estrelas Interesse am „Bewegtbild“ liegen mag: jede Projektion setzt das Projektive, das im Sehen selbst eingebunden ist, voraus, was bei Estrela dazu führt, die Teile des Wirklichen sowohl aus dem Rezeptiven wie auch dem Realen zu ziehen.

Auf derselben Leinwand ist zeitlich versetzt auch der Film von Gusmão und Paiva „Papagaio (djambi)“ zu sehen, ein in mehreren Sequenzen aufgenommenes Trance-Ritual in São Tomé. Diese Arbeit entwickelt auch deshalb einen dokumentarischen Eindruck, weil es die einzige der beiden Künstler ist, die nicht durch eine extreme zeitliche Dehnung das Aufgenommene verändert. Die kommentar- und tonlosen Bilder entwickeln eine eigene Logik. Die körperlichen und die mentalen Verschiebungen der Beteiligten des nächtlichen Rituals – die Geister der Toten schlüpfen in die Lebenden – entziehen sich ethnologischen und soziologischen Markierungen und entgehen damit auch der Gefahr des Exotismus. Sie entwickeln einen suggestiven Bann, der hier, wie in den anderen Filmen, eine eigene Art von Narrativität erzeugt. Gusmão und Paiva bauen aus situativen Momenten Geschichten, deren Realität immer wieder den Prozess des Sehens andeutet, der sich aus dem Dunklen ins Helle abspielt, aus dem Prosaischen ins Poetische, aus dem ungesehenen Naturschönen ins gesehene Kunstschöne.   

 

Alexandre Estrela, João Maria Gusmão und Pedro Paiva: Lua Cão.
Kunstverein München
Galeriestr. 4, München.
Öffnungszeiten: Donnerstag bis Sonntag 17.00 bis 21.00 Uhr.
Bis 15. April 2018.

 

 

 



 




Kunstverein München