13/12/11

Regionale-Ausstellungen in Basel

Es ist die Zeit der Jahresausstellungen. Ein Eindruck von der Regionale 12 in Basel.

von Annette Hoffmann
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Es ist die Zeit der Jahresausstellungen. Ein Eindruck von der Regionale 12 in Basel.Regionale 2011 Basel

Kunsthalle Basel, 6 Künstler aus Basel x2
In der Kunsthalle Basel nützt man die Regionale in diesem Jahr für eine programmatische Rückbesinnung auf die Ausstellungsgeschichte des eigenen Haus. Knüpft doch „6 Künstler aus Basel x2“ an eine Gruppenschau an, die Jean-Christophe Ammann 1981 kuratiert hatte. „Künstler aus Basel“, so der Titel damals, hatte für Furore gesorgt, war es doch ungewöhnlich für ein Haus wie die Kunsthalle Basel, die lokale Kunstszene auszustellen. Sieht man von den Weihnachtsausstellungen ab, aus denen die Regionale hervorgegangen ist. Alex Silber Company, Anselm Stalder, Rut Himmelsbach Hannah Villiger sowie Miriam Cahn und Vivian Suter wurden jedoch im Jahresprogramm gezeigt und nun 30 Jahre später wieder eingeladen. Ammann hatte damals die Szene gut im Blick, die Ausstellung beschleunigte Karrieren und initiierte spätere Kooperationen. Hannah Villiger starb bereits 1997, ihre Arbeiten waren zuletzt in Basel in einer Ausstellung des Museum für Gegenwartskunst 2008/9 zu sehen. Das obere Stockwerk jedoch haben Adam Szymczyk, Sandra Bradvic und Roos Gortzak, die in diesem Jahr die Jurierung übernommen haben, einer jüngeren Basler Generation überlassen, auf die sie durch die eingesandten Dossiers gestoßen sind.

Dabei fällt auf, dass das obere Stockwerk den Konventionen zeitgenössischen Ausstellungsmachens mehr entspricht als die Präsentation der mittlerweile weitgehend arrivierten Künstler im Erdgeschoss. So ist vom jungen Basler Künstler Jan Kiefer eine Bodeninstallation zu sehen, die auf die Behälterdisplays von Werkstoffen in Baumärkten zurückgreift. Kiefer ersetzt sie durch Nadelfilz, weiße Kacheln oder Holzfurnier. Es sind die Böden aus seinem Elternhaus, die er hier präsentiert. Und auch seine zweite Arbeit hat eine biografische Komponenten: die hautfarbenen pastosen Querformate, die in ein Regalsystem eingepasst sind, entsprechen seinem eigenen Teint im Verlauf des Jahres. Und auch Esmé Valks Videopräsentation ist absolut kunsthallentauglich, sie reflektiert zugleich über die Bedingungen des Ausstellens. Im Untergeschoss gleicht die Präsentation einer Fläche, auf der viele Fäden zusammenlaufen. Da folgen auf die fragilen Kleinstobjekte von Hannah Villiger Miriam Cahns großformatige Zeichnungen „Zitatenraum“, darunter auch „Schweigende Schwester. Kriegsschiff“ aus dem Jahr 1981. Die Zeit hat ihnen zugesetzt, an manchen Stellen wurde geflickt, anderswo sind Löcher zu sehen, doch der Gestus, mit dem Cahn diese riesigen Zeichnungen geschaffen hat, wirkt immer noch frisch. In einem anderen Raum lehnen mehrere abgetragene Rücksäcke an der Wand. Es ist die Installation „Time Line“ von Rut Himmelsbach, die zwischen 1981 und 2011 ihre alten Taschen aufbewahrte, um sie einmal zu reparieren. Und auch Anselm Stalder bezieht sich auf die vergangene Zeit. Arbeiten von 1981, deren Verbleib er nicht rekonstruieren konnte, hat er anhand von Fotos reproduziert, vergrößert und an Plakatständern angebracht. Die Unschärfe reflektiert die vergangene Zeit mit.


Haus für elektronische Künste Basel: Von Tieren, Elektronen und anderen Lügen
Überraschend analog, so ist der erste Eindruck der Regionale im Haus für elektronische Künste Basel. Da finden sich nicht nur Schaukästen aus der Schmetterlingssammlung des Naturhistorisches Museums, sondern auch fünf Arbeiten von Eva-Fiore Kovakovsky aus der Serie „Herbarium proprius“. Man kennt solche Bilder mit getrockneten Pflanzen, die Ausdruck einer Begeisterung für die Botanik jenseits der Wissenschaft sind, als etwas angestaubter Wandschmuck. Doch Kovakovsky, deren Werk immer wieder die Künstlichkeit unserer Naturvorstellungen umkreist, hat Gräser in Diagrammstrukturen gebracht oder sie zu dynamischen Bögen geformt. Da nimmt eine Grasrispe dann plötzlich die eckige Struktur eines Stammbaumes an. Ein schönes Sinnbild für den Zwang, den unsere Vorstellungen über die Natur ausüben. Nathalie Sidler wiederum hat ihm Ausdruck gegeben, indem sie gefundene Fotos von Landschaften durch ein System abstrakter Flächen verfremdet hat, das sie von Linien auf den Fotos abgeleitet hat. Und auch Gianin Conrads „Gesteck zur Pflege“ (2004) darf hier nicht fehlen. Die Tonblumen, die hier aus dem Betonboden des Haus für elektronische Künste Basel wachsen, müssen regelmäßig gewässert werden, sollen sie nicht zerbröseln.

„Von Tieren, Elektronen und anderen Lügen“ heißt die Gruppenschau, die Katharina Dunst und Laura Endtner im Rahmen der Regionale 12 kuratiert haben. Die gezeigten Arbeiten setzen bei der Phänomenologie des Natürlichen an, die verfremdet und mitunter elektrifiziert wird. Wer an Michael Flückigers Projektion „Schattenwurf“ vorbeigeht, nimmt sein animalisches Alter Ego mit. Entwächst doch der eigenen Silhouette ein Elchgeweih, um beim nächsten Vorbeigehen zu einem Stiergehörn zu werden. Und auch Lena Erikssons „Tierfilm“ (2002), bei dem sie in unförmigen Pandabärkostüm sich tollpatschig durch einen Park bewegt, ist wieder einmal zu sehen. Während Aline Veillat mit ihrer Installation „Das Murren der Welt“ (2011) gar einen Papyrus zum Sprechen bringt. Mehrere Lautsprecher sind in dem Pflanzkübel und den Papyrustängeln verteilt. „Ma parole est libre“, verkündet eine Frauenstimme, später setzt eine Männerstimme ein. Vieles klingt nach Klischee und Stereotyp, doch es ist kaum möglich, das Gehörte nicht mit den politischen Veränderungen in Ägypten in diesem Frühjahr in Verbindung zu bringen.
Viele Werke, die die beiden Kuratorinnen zusammengetragen haben, geben sich ausgesprochen spielerisch. So hat Dadi Wirz den Lauf der Ille in verschiedene Strecken aufgeteilt. Nun ziehen sie sich über jenes Material, das Dieter Roth ihm in Klarsichtfolien zur Verfügung gestellt hatte. Und Andreas von Ow hat gar in einem Bottich, in dem er schwarze Farbe anrührt, eine Super Nova entdeckt. Immer wieder platzen Blasen und glimmen für einen Moment so hell wie Sterne am schwarzen Nachthimmel. „Von Tieren, Elektronen und anderen Lügen“ ist ein kurzweiliger und stimmiger Ausstellungsparcours geworden, der jedoch auch zeigt, wer einen derart thematischen Zugang wählt, muss auf ältere und oft bekannte Arbeiten zurückgreifen.


Meubler la solitude
Etwa schon zu spät? Im Foyer des Kunsthaus Baselland steht eine Palette mit mehreren gestapelten Bananenkartons. Eine Decke, wie sie bei Umzügen verwendet wird, um Möbel zu schonen, liegt obenauf. Ein Kunsttransport? Nein, es ist Anna Scholers Arbeit „Dann sendet mir die Goldfische nach“. Auch die Ausstellung „Meubler la solitude“, die Simon Baur im Rahmen der diesjährigen Regionale kuratiert hat, ist noch eine Weile geöffnet. Die Installation jedoch greift ein wesentliches Thema dieser Regionale-Ausgabe auf. Es geht ums Einrichten im Leben, genauer um die Einsamkeit und wie man diese möbliert, um mit ihr besser klar zu kommen. „Das Möblieren der Einsamkeit impliziert, die Einsamkeit unmöbliert zu lassen, sie leer lassen, die Einsamkeit auszukosten, sie zu ersehnen, nach ihr zu verlangen, sie herbeizurufen“, schreibt Simon Baur im seinem Beitrag in der parallel erschienenen Publikation. Die Einsamkeit ist ein Ausstellungsthema mit ganz eigenen Gesetzen, vor allem dann, wenn man ihr mehr formal als inhaltlich begegnet. Lässt sie sich doch kaum mitteilen oder vermitteln und dies gehört zu den wesentlichen Aufgaben von Kunstinstitutionen. Um im Bild des „meubler la solitude“ zu bleiben, die Ausstellung selbst entsteht aus dem Akt der Möblierung, die jedoch durchaus einem Horror vacui geschuldet zu sein scheint.

Eng geht es also mitunter bei dieser „möblierten Einsamkeit“ zu, etwa wenn Catrin Lüthi von den Säulen im linken Teil des Gebäudes architektonische Eingriffe ableitet und weiße Rampen schafft, die nun im Raum liegen als gehörten sie ganz selbstverständlich dazu. Und wenn sich gleich daneben die Installationen von Hagar Schmidhalter finden, rahmenähnliche Metallkonstruktionen, in die Fotos archäologischer Stätten in Rom und Glas eingebunden sind. Weniger wäre oft mehr gewesen. Werke von knapp 40 Künstlern sind im Kunsthaus Baselland zu sehen. Darunter auch surrealistische Zeichnungen von Meret Oppenheim, die für Simon Baurs Ausstellung so etwas wie einen virulenten Kern bilden. Manches, wie die Objekte von Markus Müller, erinnert an ganz reale Möbelstücke, andere Werke wie die von Marianne Engel schaffen eine dichte, wenn auch beklemmende Atmosphäre. „Meubler la solitude“ zeigt oftmals ganze Ensembles, etwa Boris Rebetez‘ Modelle von Bergen, die er aus Gemälden von Giotto oder Mantegna in die dritte Dimension übersetzt hat. Sehenswert ist auch die Installation von Daniel Roth, der in Muttenz neben mehreren dysfunktionalen Handläufen einen kurzen Film zeigt, in dem ein Stab durch die Wand gebohrt wird, der in den wirklichen Raum eine weiße Wolke ausstößt.

Kunsthalle Basel
Steinenberg 7, Basel.
Öffnungszeiten: Dienstag, Mittwoch, Freitag 11.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 11.00 bis 20.30 Uhr, Samstag und Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr.
Bis 1. Januar 2012.
Am 20. Dezember 2011, 20.00 Uhr findet ein Gespräch zwischen Jean-Christophe Ammann und Adam Szymczyk statt.

Haus für elektronische Künste Basel
Oslostr. 10, Basel.
Öffnungszeiten: Mittwoch bis Sonntag 13.00 bis 17.00 Uhr.
Bis 8. Januar 2012.

Kunsthaus Baselland
St. Jakob-Str. 170, Basel-Muttenz.

Öffnungszeiten: Dienstag, Donnerstag bis Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr, Mittwoch 14.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 8. Januar 2011.
Kunsthalle Basel
Haus für elektronische Künste Basel
Kunsthaus Baselland