09/03/18

Der Fremde hinter der nächsten Tür

In der Münchner Pinakothek der Moderne fragt eine Satellitenausstellung der Istanbul Biennale Fragen nach unserem Zusammenleben

von Jolanda Bozzetti

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Erkan Özgen, Wonderland, 2016, Videostill, Courtesy the artist
„A good Neighbour“ war der Titel der 15. Istanbul Biennale, die von Elmgreen & Dragset kuratiert wurde und Mitte November letzten Jahres zu Ende ging. Das dänisch-norwegische Künstlerduo ist in München bereits durch ein Ausstellungsprojekt für den öffentlichen Raum bekannt, das 2013 unter dem Titel „A Space called Public“ stattfand. Nun ist in der Pinakothek der Moderne eine konzentrierte Auswahl an Arbeiten aus den Istanbuler Schauen zu sehen.  „Herzlich Willkommen“ steht in großen schwarzen Lettern auf einem fünf Meter langen Banner geschrieben, das den Zugang zur Ausstellung markiert und ihn gleichzeitig versperrt. Erwachsene Besucher müssen sich erst bücken, um den Raum zu betreten. Diese Arbeit von Stephen G. Rhodes ist eine einfache Geste, die jedoch unweigerlich zum Nachdenken anregt: Bin ich hier wirklich willkommen? Wer ist hier willkommen? Schon ist man mitten im Thema der 15. Istanbul Biennale.

Weltweite Krisen, demografischer Wandel, zunehmende Urbanisierung und Gentrifizierung. Wie funktioniert das menschliche Zusammenleben im 21. Jahrhundert? Wie veränderte es sich in den letzten Jahren? Was ist heute ein Zuhause? Diese und weitere Fragen machten Elmgreen & Dragset zum Thema ihrer Biennale und wählten den mikrokosmischen Blick, um vom Kleinen ausgehend den Blick auf die Welt zu weiten. Im Mikrokosmos des privaten Lebens sollen die Mechanismen und Dynamiken des Großen untersucht werden, und umgekehrt kann der kleine Ausschnitt eine komplexe, politische Ebene reflektieren.

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Gözde Ilkin, The Sloping Land, aus der Serie: Inverted Home, 2017 (o.), Courtesy the artist, Foto: Sahir Uğur Ere
Nachbarschaft, begriffen als Allegorie für das unmittelbare soziale Umfeld, beschränkt sich hier nicht auf einzelne Kulturen. So organisierten sie zur Vorbereitung auf die Istanbuler Großausstellung eine weltweite Plakataktion, die unterschiedlichste Fragen zur Nachbarschaft stellte. Diese Fragen wurden bei der ersten Pressekonferenz als Live-Performance vorgetragen. 40 Personen mit verschiedensten Hintergründen lasen je eine Frage vor, etwa ob ein guter Nachbar Dein Facebook-Freund sei. Oder jemand, der macht, dass man sich zuhause fühlt, während gedämpfte Stimmen durch die Wand zu hören sind. Oder ob ein guter Nachbar einfach eine dieser sentimentalen Kindheitserinnerungen sei.

Für ihre Serie „inverted home“ sammelte Gözde Ilkin in ihrer Familie gebrauchte Stoffe wie Tischtücher und Bettwäsche. Darauf übertrug sie mit bunten Stickereien und Malereien Familienfotos, die unterschiedlichste soziale Konstellationen zeigen. Durch die Intimität der Stoffe und die Tradierung handwerklicher Techniken schreibt sich die (Familien-) Geschichte auf mehrfache Weise in diese sehr persönlichen Arbeiten ein, die zugleich ein universelles Familienbild darstellen. Eher fragmentarisch wirken die Erinnerungen, die Mirak Jamal in seinen Arbeiten visualisiert. Auf Gipskartonplatten malt, zeichnet und ritzt er Bilder ein, die autobiografische und kollektive Geschichte verbinden. Als Kind musste er mit seinen Eltern, ebenfalls Künstler, aus dem post-revolutionären Iran fliehen und lebte dann in der ehemaligen Sowjetunion, den USA, Deutschland und Kanada. Seine Arbeiten zeigt Jamal zusammen mit Zeichnungen, die er als Kind gemacht hat. Eine dieser Zeichnungen hängt in einem Loch in der Wand der Ausstellungsarchitektur – fast so, als wolle sie sich verstecken und suche Schutz. Diese zarten, fragilen Arbeiten Jamals leiten über zu einer Videoarbeit, die zu den meist diskutierten Werken der Istanbul Biennale gehört. In Erkan Özgens Film „Wonderland“ schildert ein taubstummer syrischer Junge in einem leeren Haus sitzend mit Händen, Füßen und dumpfen Lauten die schrecklichen Ereignisse, die ihm und seiner Familie im Krieg widerfahren sind. In der doppelten Unsagbarkeit wird die Schwere des Traumas auf grausam-poetische Weise erfahrbar. Kobani, die Stadt aus der er fliehen musste, liegt im äußersten Norden Syriens, direkt an der Grenze zur Türkei.

Wenn Kunst allein auch keine politischen Krisen lösen kann, so beweist sie ihre Dringlichkeit in der klugen Thematisierung wichtiger Fragen, die ein friedliches Miteinander – vielleicht sogar gute Nachbarschaft – fördern.       


A good Neighbour_on the move, in Kooperation mit Elmgreen & Dragset und der 15. Istanbul Biennale 2017.
Pinakothek der Moderne
Barer Str. 40, München.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 10.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 29. April 2018.

 

 

 




Pinakothek der Moderne