07/03/18

Körpersäfte und Himmelskörper

Das Münchner Haus der Kunst widmet der US-amerikanischen Künstlerin und Feministin Kiki Smith eine Werkschau

von Roberta De Righi
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Kiki Smith, at Mayer‘sche Hofkunstanstalt, Foto: Sammy Hart, 2017
Kiki Smith bewies Sinn für den großen Auftritt, als sie mit voluminöser Pelzmütze überm silbergrauen Haar bei der Pressekonferenz im Münchner Haus der Kunst in den Pulk der Journalisten eintauchte. In der Mitte ihre Bronzeplastik „Rapture“, in der eine nackte Frau seelenruhig dem offenen Bauch eines Wolfes entsteigt. Wer an das Wort „Schamanin“ noch nicht gedacht hatte, der tat es spätestens jetzt, und ihre erste große Retrospektive in Europa heißt ja auch „Procession“. Wolfsfrau, Schamanin, Zauberin – selten wirken diese Begriffe so passend wie bei der New Yorker Künstlerin Kiki Smith, 1954 in Nürnberg geboren als eine von drei Töchtern einer Opernsängerin und dem US-amerikanischen Bildhauer Tony Smith. Der große Schamane Beuys habe sie allerdings, wie sie auf Nachfrage beteuert, nicht so sehr interessiert. Dabei spielen Tiere auch in ihrem Werk eine wesentliche Rolle: Adler, Rabe, Spinne und Wolf treffen mit Reh, Eule und Katze auf biblische und mythische Frauenfiguren wie Eva, Maria und Lilith. Märchenhaft wirken diese Begegnungen jedoch eher selten, eher surreal bis grausam.

Kiki Smith, die niemals Kunst studierte, sondern quasi bei ihrem Vater in die Lehre ging, dafür allerdings eine Ausbildung zur Sanitäterin hat, arbeitet sich vor allem bildhauerisch, aber auch zeichnerisch am Kreatürlichen ab und setzt sich mit dem – vorwiegend weiblichen – Körper in einer Intensität auseinander, die man aushalten muss. Scham- und schonungslos: Sie hängt ihn kopfüber („Lilith“), häutet ihn („Jungfrau Maria“), amputiert die Gliedmaßen („Daisy Chain“), seziert ihn und sammelt die Innereien. "Gray's Anatomy", ein Anatomiebuchklassiker aus dem 19. Jahrhundert, den ihr einst ein Freund schenkte, beeindruckte sie nachhaltig. Besondern angetan haben es ihr Magen, Darm und Uterus, die sie für die Vitrine in Glas oder Wachs nachbildet oder als filigranes Aquarell auf Papier bringt. Das Urogenitalsys­tem von Mann und Frau formte sie bereits 1986 als Relief in patinierter Bronze nach. Selbst äußerlich intakte Körper wirken wie versehrt, etwa die verschwommen weibliche Büste von 1990 aus Pappmaché, bei der die Brüs­te schlaff über eine Brüstung hängen.

Und auch was Körperflüssigkeiten angeht, ist Kiki Smith abgebrüht: Von 1990 stammen die zwölf großen silbernen Glasbehälter, in altdeutschen Lettern beschriftet mit Blut, Schleim, Schweiß, Sperma und Tränen etc. Ein ganzes Stundenbuch nach dem Vorbild des mittelalterlichen Gebetsbuches füllte sie darüber hinaus mit deren Benennungen. Wie eine Prozession durch ihr Œuvre soll diese Ausstellung angelegt sein, was sich in der Anschauung allerdigs nicht unbedingt erschließt. Zum Auftakt im Treppenhaus kreisen auf einem monumentalen Glasbild („Dominion“) fünf Adler. Sie sind entstanden in der Münchner Mayer‘schen Hofkunstanstalt, mit der Kiki Smith seit über 20 Jahren zusammenarbeitet. Inspiriert vom christlichen Mittelalter ist der zentral präsentierte Zyklus aus 14 Wandteppichen: Eine kosmische Erzählung, in der die Frau wahlweise neben der Schlange, zwischen Rehkitz und Fledermaus oder gleich zwischen den Gestirnen, jedenfalls immer im Einklang mit der Natur schwebt. Das einzige männliche Wesen der Schau hingegen hängt hilflos und kopfüber im Unterholz fest.

Das Eklige und das Erhabene, Körpersäfte und Himmelskörper. Kiki Smiths Anfänge in den 1980er Jahren standen unter dem Einfluss von Louise Bourgeois, Nancy Spero und Eva Hesse, deren Selbstbewusstsein, mit dem sie weibliche Themen anpackten, immer auch politisch-feministisch motiviert war. Als Künstlerin schlüpft sie gleich in die Rolle einer Schöpfergöttin. Das ist konsequent, konzentriert, betörend ästhetisch und mit höchster technischer Finesse gefertigt. Aber ihre Spiritualität wirkt nicht nur wie eine Erleuchtung, sondern auch wie eine Flucht. Den Feminismus auf Erden durchzusetzen ist eben ein sehr mühsamer Kampf.


Kiki Smith: Procession.
Haus der Kunst
Prinzregentenstr. 1, München.
Öffnungszeiten: Montag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 18.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 3. Juni 2018.

Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen: Prestel Verlag, München 2018, 224 S., 49,90 Euro | ca. 57.90 Franken.

 

 

 

 




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