05/03/18

Glück im Unglück in der Peripherie

Der litauische Fotograf Rimaldas Vikšraitis hält das Dorfleben seiner Heimat fest. Seine Arbeiten sind jetzt in Mannheim zu sehen

von Christel Heybrock

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Rimaldas Vikšraitis, aus: „Grimaces of summer”, 1998, Courtesy the artist & White Space Gallery, London
Es geht da schon recht deftig zu, mitunter auch etwas humorvoll. Die Schwarz-Weiß-Fotografien des Litauers Rimaldas Vikšraitis verblüffen und polarisieren mit Szenen einer unbekümmerten, im überzivilisierten Westeuropa etwas fremd erscheinenden Landbevölkerung. Seit 1983 waren Vikšraitis‘ Aufnahmen zwar in internationalen Ausstellungen präsent, aber der Durchbruch kam erst, als sein prominenter britischer Kollege Martin Parr ihn 2009 für den Prix Découverte beim Fotofestival Rencontres d’Arles vorschlug. Seither findet Vikšraitis in Peking, Glasgow und London ebenso Aufmerksamkeit wie in seiner Heimat, durch Ausstellungen und durch eindrückliche Fotobände. Das ist in Mannheim nicht anders. Die Schau im Zephyr, der Fotogalerie der Reiss-Engelhorn-Museen, ist mit rund 130 Aufnahmen seine bisher größte und in Deutschland auch seine erste Einzelschau, begleitet von einem Bildband, der mehr ist als nur ein Katalog.

Vikšraitis‘ Aufnahmen prägen sich ins Gehirn – weniger wegen ihrer Ästhetik als vielmehr durch ihre Authentizität. 1954 in dem 520-Einwohner-Ort Sintautai geboren, ist Vikšraitis mit „seinen“ Menschen mehr als vertraut, er ist fast einer von ihnen und wurde bei seiner Arbeit wohl auch so wahrgenommen. Was ihn von ihnen unterscheidet, ist seine beachtliche Lebensleistung. Trotz einer Meningitis im Kindesalter, deren Folgen ihn bis heute sprachlich und motorisch behindern, eignete sich Vikšraitis sein Fotohandwerk selber an, bevor er eine Technische Hochschule in Vilnius besuchte und später bei einer staatlichen Medienagentur beschäftigt wurde. Die Bilder der Ausstellung entstanden zwischen den 1970er Jahren und 2014 allein durch persönliches Engagement, indem Vikšraitis mit dem Fahrrad seine Motive in den gottvergessenen Dörfern aufstöberte – der Ausstellungstitel „Am Rand der bekannten Welt“ trifft die Situation präzise. Man habe als Betrachter das Gefühl, „selbst mitten drin zu sein“, sagt Kurator Thomas Schirmböck, und nicht immer findet man das angenehm. Zwar könnte man sich Martin Parr anschließen, der meinte, „dass sich Vikšraitis in dieser Gesellschaft amüsiert und wohlfühlt“ und dass auch „die Abgebildeten anscheinend Spaß daran“ hätten, „sich vor seiner Kamera zu entkleiden“.

Es sieht freilich nur auf einen ersten Blick so aus. Tatsächlich ist man als urbaner Westeuropäer zum einen erstaunt über die offenbar hemmungslose Promiskuität, zum andern liegt den Bildern eine latent verstörende Ambivalenz zugrunde. Amüsant und spaßig sind die Szenen durchaus manchmal, etwa wenn ein nackter Trinker auf einem Feldweg die endlose Reihe geleerter Schnapsflaschen anführt ‒ ein Lebensweg besonderer Art. Von surrealer Komik auch das arg fragmentarische Automobil, das von den Zugkräften eines Ackergauls abtransportiert werden muss.

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Rimaldas Vikšraitis, aus „Farmstead Children”, 2004, Courtesy the artist & White Space Gallery, London
Aber wenn dem Porträt etwa eines alten Mannes „Charakter“ und ein Augenausdruck „von großer Schönheit“ zugeschrieben wird, kann man sich eigentlich nur wundern, sitzt hier doch einfach ein Säufer hinter seiner Flasche und starrt mit leerem Blick ins Nirgendwo. Mit andern Worten: Im ländlichen Litauen, das die Jahre der Sowjetunion überstand und seit 1991 Teil einer europäischen parlamentarischen Demokratie ist, wurde vor Vikšraitis‘ Kamera gebechert, geraucht und Sex getrieben mit einer Unbekümmertheit, die nicht selten ins Unappetitliche abgleitet. Wenn es um Außenaufnahmen geht, lenkt eine durchsonnte, blühende Natur von den sozialen Verhältnissen ebenso ab, wie das Schnee und Kälte im Winter tun. Aber die Innenräume … Nein, an diesen verschlammten Küchen, an diesen Essgeschirren, die offenbar in Jahren nicht gereinigt wurden, an den enthemmten barbusigen Dörflerinnen, den lechzenden Männern und so manchem verwahrlosten Kind – daran möchte man denn doch nicht unbedingt teilhaben. Zwar hält die Schwarzweißtechnik den Betrachter auf Distanz, aber fühlt man sich vielleicht deshalb so attackiert, weil man eine bohrende Frage nicht zulassen möchte: Wie war das denn früher bei uns? Armut, Haltlosigkeit, Gier – ist davon wirklich gar nichts in uns selber?

 

Rimaldas Vikšraitis: Am Rand der bekannten Welt.
Zephyr – Raum für Fotografie
C4, 9, Mannheim.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 29. April 2018.
Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen: 39,90 Euro.

 






Zephyr