01/03/18

Kontrollverluste der Zukunft

Die Ausstellung im Basler Hek "Future Love" befasst sich mit Reproduktion, fluiden Körpern und Hormonen

von Annette Hoffmann

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pinar yoldas, Kassandra TCGACTTGATGAACTCTCTACCACACT, Born: Ann Arbor Michigan - 2048, Parents : Dr. Norbert Founders , Dr.Adele Founders, Distinct Qualities : Clairvoyance, from Designer Babies: We can now engineer the human race, 2017
Nüchtern betrachtet sind Liebe und Sex auch nur eine Ansammlung von Daten. Dmitry Morozov  (*1986) hat für seine Arbeit „Black Box“ Körpertemperatur, Pulsfrequenz und seine Bewegungen während des Geschlechtsaktes aufgezeichnet und einer Installation eingespeist. Man wird nichts Menschliches an diesem Wearable finden. Alles ist in reine Mechanik verwandelt. Die aktuelle Ausstellung „Future love“ im Basler HeK, die den gestelzten Untertitel „Begehren und Verbundenheit im Zeitalter geformter Natur“ trägt, bedient keinen Voyeurismus. Sie fragt aber, was wir bereit sind von uns preiszugeben. Kurator Boris Magrini hat Arbeiten ausgewählt, die sich mit Themen wie Reproduktion, fluide Körper und Hormone befassen. Mit Exzessen und Ekstasen oder auch nur Nähe hat dies im seltensten Fall zu tun.

Was sich abzeichnet, ist, dass Identitäten nicht als starr begriffen werden. Pinar Yoldas (*1979) simuliert in drei Brutkästen die Entstehung von Designerbabys als 3D-Animationen, während Mary Maggic mit ihrer Videoarbeit „Housewives Making Drugs“ die Ästhetik des Do-it-yourself-Hypes übernimmt. Nur, dass in dieser höchst dekorativen Küche keine Cupcakes gebacken werden, sondern Hormone aus Urin zur Selbsttherapie extrahiert werden. Wie das gehen könnte, wird Schritt für Schritt erklärt. „Housewives Making Drugs“ parodiert die biedere Ästhetik von Kochshows und hübscht sie durch einen schrägen Queer-Look auf. Selbstredend geht es der amerikanischen Bio-Hackerin und Künstlerin Mary Maggic um die Frage, wer das Geschlecht und wer über Therapien und die Kosten bestimmt. So bleibt in ihrer Arbeit auch eine Kritik der Gesundheitspolitik der Trump-Administration nicht aus. Joey Holder (*1979) hingegen hat sich in „The Evolution of the Spermalege“ mit dem Sexleben und der Fortpflanzung von Bettwanzen befasst. Holder entwirft kein zukünftiges Paarungsverhalten, sondern geht in die Evolutionsgeschichte zurück, als diese Art eine unter Insekten einzigartige Befruchtung entwickelte. Bei Holder ist die spezifische Darstellung der Wanzen derart vergrößert und verfremdet, dass man diese auch für bizarre Sextoys halten könnte. In Basel hat die britische Künstlerin ein raumgreifendes Environment mit Prints, Animationen und Objekten geschaffen, das eine autonome Bildwelt entstehen lässt. Holder, die früher als Tauchlehrerin gearbeitet hat, verbindet in ihren Arbeiten analoge und virtuelle Medien miteinander und auch ihr Interesse an fremden Welten, der Naturgeschichte und der Biologie. Vieles in dieser Ausstellung ist hypothetisch.

Die Geschichte hinter „Ashley Madison Angels at Work in Basel“ von !Mediengruppe Bitnik dürfte hingegen auf eine sehr konkrete Weise Beziehungen gestört und für Kontrollverluste gesorgt haben. Hacker hatten 2015 die Daten eines Online-Dating-Portal für Verheiratete gestohlen und öffentlich gemacht, dass Ashley Madison virtuelle Identitäten verwendet hatte. „Do you want to know me. I’m here”, säuselt nun der Bot in Basel.     

Future Love. Begehren und Verbundenheit im Zeitalter geformter Natur
Hek - Haus der elektronischen Künste Basel

Freilager-Platz 9, Basel-Münchenstein.
Öffnungszeiten: Mittwoch bis Sonntag 12.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 15. April 2018.

 

 




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