28/02/18

Das öffentlich gemachte Versteck

In Bregenz realisiert der britische Künstler Simon Fujiwara die Kopie der Kopie des Anne-Frank-Hauses

von Christian Gampert

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Simon Fujiwara, Hope House, 2018, Ausstellungsansichten im Kunsthaus Bregenz, Fotos: Markus Tretter, Courtesy of Simon Fujiwara, © Simon Fujiwara, Kunsthaus Bregenz
Das „Echte“ ist heute kaum noch zu haben. Sogar unsere Erinnerungen, Erinnerungsräume sind vielfach von fremden Interessen besetzt, bebildert, kommerzialisiert. Der britsiche Künstler Simon Fujiwara (*1982), der in Cambridge und an der Frankfurter Städelschule studierte, führt das am Beispiel des Amsterdamer Anne-Frank-Hauses vor. Als er das Haus besuchte, kaufte er sofort den gesamten Souvenirladen leer. Darunter war auch ein kleinformatiger Bastelsatz des Gebäudes, das man zu Hause nachbauen konnte. Der Witz aber ist, dass auch das echte Anne-Frank-Haus in der Prinsengracht eine Rekonstruktion ist – es wurde für den Museumsbetrieb vielfach umgebaut und saniert, und nur wenige Ausstellungsstücke sind wirklich echt.

Das historische Anne-Frank-Haus in Originalgröße in das kühle, minimalistische Kunsthaus Bregenz hineinbauen zu lassen, scheibchenweise über drei Stockwerke hinweg – das ist ein verrücktes Unternehmen. Denn der ins Riesenhafte aufgeblähte Bastelsatz ist die Kopie der Kopie. Und trotzdem symbolisiere das Haus, so Fujiwara, die Idee der Hoffnung, der Jugend, der Unschuld – Genialität (manche verbinden das mit Anne Frank), Ausnahmetalent, Empathie, aber auch Terror und Furcht.

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Simon Fujiwara, Hope House, 2018, Ausstellungsansichten im Kunsthaus Bregenz, Fotos: Markus Tretter, Courtesy of Simon Fujiwara, © Simon Fujiwara, Kunsthaus Bregenz
Man kann in Bregenz nun in den engen, dunklen Räumen des Hauses herumspazieren und herumklettern; es gibt Möbel aus den 1940er Jahren, staubige Bürgerlichkeit. Authentisch ist das nicht, eher bizarr. Aber genau dieses Gefühl will Fujiwara bei uns erzeugen. Er bringt die Ambivalenz solcher historischer und eben auch künstlerisch verwertbarer Erinnerungsstätten auf den Punkt: „Wie muss ein so ikonisches Haus beschaffen sein, um pro Jahr einer Million Menschen zu erlauben, da durchzumarschieren? Meine erste Idee war, ein Haus, das ein Versteck war, wird jetzt von Millionen besucht“, sagt er.

Andererseits benutzt Fujuwara die Haus-Rekonstruktion ganz eigennützig als Präsentationsraum für eigene Werke. Die versuchen angeblich, heutige Erfahrungen von Unterdrückung und Entfremdung mit der Zeit der Anne Frank in Verbindung zu bringen. Das gelingt mal mehr, mal weniger gut.

Weil auch Anne Frank Schlagsänger, Schauspieler, Filmstars anhimmelte und sich ihre Fotos an die Zimmerwand hing, bietet Fujiwara in Bregenz eine Wand mit heutigen Showstars. Das wirkt bemüht. Aufschlussreicher ist da schon die Analyse der Haltungen, mit denen heutige Prominente das Haus besuchen – sie reichen von selbstgefällig bis demütig. Zwei Projekte stechen aus dem Sammelsurium von Fujiwaras Werken heraus. Zum einen ist das eine  Videoarbeit über die englische Lehrerin Joanne Salley, die nach Veröffentlichung kompromittierender Fotos in der Öffentlichkeit gemobbt und entlassen wurde. Zum anderen präsentiert Fujiwara einen kunstvoll arrangierten Haufen jenes Make-ups, das die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel bei Fernsehaufnahmen mit HD-Kameras verwendet; Merkel legt sozusagen eine Schicht zwischen sich und die Außenwelt. Fujiwara malt mit diesem Schmink-Material auch Merkels Gesicht, ins Tausendfache vergrößert, so dass von der Person nur noch ein abstraktes Bild übrigbleibt. Mit Anne Frank hat all das nur sehr indirekt zu tun. Auch sie ist heute eine vielfach verfremdete, gebrochene Medienfigur. „Das Projekt ist keine Parodie des Kapitalismus, es zeigt den Kapitalismus.“, sagt Simon Fujiwara.

Die Rekonstruktion des Anne-Frank-Hauses in Bregenz aber ist ein gigantomanisches Projekt, das die Widersprüche – auch – des Kunstbetriebs sarkas­tisch auf die Spitze treibt.

 

Simon Fujiwara: Hope House.
Kunsthaus Bregenz
Karl-Tizian-Platz, Bregenz.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 10.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 2. April 2018.
Zur Ausstellung wird im April 2018 eine Publikation erscheinen, hrsg. von Kunsthaus Bregenz, 352 S., 42 Euro.