15/02/18

In die nächste Dimension

Das Kunstmuseum St. Gallen zeigt in der Schau „Converter“, wie sich die Grenzen der Skulptur ausgeweitet haben

von Annette Hoffmann

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Nina Beier, Mars, 2018, Courtesy the artist, Installationsansichten Kunstmuseum St. Gallen, Fotos: Sebastian Stadler
Es ist schon eine Weile her, dass man sich beim Betrachten von Skulpturen darauf beschränken konnte, um das Werk herumzugehen. In der Ausstellung „Converter“ im Kunstmuseum St. Gallen wird man im dritten Raum erst von einem leichten Luftzug erfasst, der einen, je näher man der Quelle kommt, atemlos macht. Der Betrachter als ein nach Luft schnappender Körper ist eher ein neueres Konzept. Nicht grundlos verbindet Raphael Hefti (*1978) in seiner Arbeit „Dr. Sattler: So, what are you thinking? Dr. Grant: We’re out of a job. Dr. Malcom: Don’t you mean extinct?“ den Windkanal mit mehreren Stahlträgern am Boden, die er außergewöhnlich extremen Bedingungen ausgesetzt hatte. Über den Zeitraum von fünf Jahren hinweg erhitzte er diese von 20 auf 1.200 Grad, um sie dann wieder auf 20 Grad abzukühlen. Für Hefti steht die so erzielte Verwitterung für einen Alterungsprozess, wie ihn andernfalls Tausend Jahre bewirkt hätten. Das korrodierte Material, das wie angefressen aussieht, speichert in sich die Dimension der Zeit.

Auf derartige Verwandlungsprozesse zielt die Skulpturenschau „Converter“ ab, die die Transformation bereits im Titel trägt und durchaus auch den Betrachter nicht ausschließt. Das Kunstmuseum St. Gallen hat zwei angekaufte Arbeiten von Raphael Hefti in das Ausstellungskonzept eingebunden. So begrüßt und verabschiedet den Betrachter eine verführerisch schöne, beschichtete Glasscheibe, deren violette Farbe die unmittelbare Umgebung in ein anderes Licht taucht. Man selbst inbegriffen. „Subtraction as Addition“ hat Hefti 2012 diese Werkserie genannt, die mit Subtraktion und Addition gleich die beiden wesentlichen Charakteristika von Skulpturen, beziehungsweise Plastiken benennt. Nur, die Wirkung dieser Arbeiten bleibt nicht auf das Werk selbst beschränkt, sie greift auf den Raum und den Ausstellungsbesucher über. „Converter“ zeigt Skulpturen einer insgesamt jüngeren Generation, der 1970 geborene Gabriel Kuri ist der älteste Künstler, die konzeptuell arbeitet und der die Installation näher ist als eine konventionelle Skulptur.

Das schließt ein Ensemble wie „Beast & Mars“ von Nina Beier (*1975) mit ein, die eigens für die thematische Schau entstand. Einerseits ist ihre Rauminstallation spektakulär, besteht sie doch wesentlich aus zwei Rodeo-Simulatoren. Sind die beiden schwarzen Bullen in Betrieb, schlagen sie wild um sich, mit ihnen festgeschnürte weiße Kanister mit Milchpulver. Sehr ästhetisch sind die dazugehörigen Schnitte durch Asphaltstücke, die die Materialität dieses Straßenbelags sichtbar machen, auf dem ebenfalls angeschnittene Mars-Riegel platziert sind. Die Argumentationskette, die diese Objekte mit Kapitalismuskritik, dem antiken Kriegsgott und die Dominanz des Menschen über die Natur sowie ihre Ausbeutung verknüpft, ist dann doch ziemlich verkopft und macht aus der Arbeit eine Art Allegorie.

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Raphael Hefti, aus Substraction as Addition, 2015, Installationsansichten Kunstmuseum St. Gallen, Fotos: Sebastian Stadler
Den mexikanischen Künstler Gabriel Kuri beschäftigen formalere Fragestellungen. So bezieht er jeweils vor Ort erhaltene Kassenbons oder dort gekaufte Produkte mit ein. In St. Gallen sind es drei einheitlich designte, aber verschieden große Lebensmittelverpackungen, die die Grundform der petrolfarbenen Röhren wiederholen. Kuri bildet eine Kette zwischen diesen, den Verpackungen und jeweils drei Steinen. Mal verläuft der Strang von „Attempt 1 to arrest the flow from event A to event B“ am Boden, dann endet er in einem Geldschein in einem der Rohre, mal befestigt er die Steine und Leitungen an der Wand. Kuris Installation ist auch ein Versuch über die Materialität, deren Schwere er partiell leugnet, partiell bestärkt und damit zu einer Denkbewegung einlädt. Nur die Erfahrung lehrt uns, dass sich ein Teil der Installation auf dem Boden befindet, denn könnte nicht auch der Raum gekippt sein?       

 

Converter.
Kunstmuseum St. Gallen
Museumstr. 32, St. Gallen.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr, Mittwoch 10.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 6. Mai 2018.


 

 




Kunstmuseum St. Gallen