22/02/18

Alles ist wichtig, nichts ist egal

In ihrer Basler Werkschau zerlegt die Bildhauerin Sofia Hultén die Wirklichkeit in ihre Einzelteile und setzt sie neu zusammen

von Dietrich Roeschmann

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Sofia Hultén, Altered fates, 2013, Videostill, Courtesy Daniel Marzona, Berlin, Galerie Nordenhake, Stockholm, © Sofia Hultén, ProLitteris Zürich, Fotos: Sofia Hultén
Ganz leise ist zwischen den Garderobenschränken im Museum Tinguely ein Geraspel und Geraschel zu vernehmen. Es tönt aus dem Lautsprecher eines Monitors, der hier an der Wand hängt, zwischen Bergen von Schulranzen und Winterjacken der Kinder, deren Gelächter irgendwo aus den Tiefen des Hauses auf die Empore dringt. Ansonsten: niemand da. Nur die Frau in dem Video, die Szene für Szene an einen großen Sperrmüllcontainer herantritt, mal einen Teppich herauszieht, in den sie mit dem Cutter ein kreisrundes Loch schneidet, mal ein Seil, das sie verknotet, oder einen Müllsack, den sie auf links dreht – um die Dinge dann genau so wieder zurückzulegen und zu gehen. „Altered Fates” heißt die Videoarbeit der in Stockholm geborenen, in Berlin lebenden Bildhauerin Sofia Hultén (*1972), der das Museum Tinguely derzeit eine umfangreiche Werkschau widmet. Es ist eine schöne, beiläufige Arbeit, in der bereits vieles anklingt, um was es in Hulténs Kunst geht.

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Sofia Hultén, Mutual Annihilation, 2008, Courtesy Daniel Marzona, Berlin, Galerie Nordenhake, Stockholm, © Sofia Hultén, ProLitteris Zürich, Fotos: Sofia Hultén
Sagen wir es so: Es ist nicht egal, wenn Sie diese Ausstellung verpassen, weil wieder einmal etwas dazwischen gekommen ist oder weil Sie meinen, dass es wichtigere Dinge gibt. Warum? Weil Sofia Hultén uns mit ihren Arbeiten vorführt, dass nichts, was wir tun oder nicht tun, jemals egal ist. Der Griff zur alten, verdreckten Plane, die die Künstlerin aus dem Müll zieht, auseinanderfaltet und neu zusammengelegt wieder zurückstopft, ist ein Akt der Aufmerksamkeit, der als poetische Geste ebenso überzeugt wie als Vorschlag zur performativen Erweiterung der Skulptur um die Dimension der Zeit in einem denkbar vielschichtigen Sinn. So ist es kein Zufall, dass ihre größte Arbeit in Basel – die gut 70-minütige, wandfüllende Dia-Projektion „Past particles” von 2010 – in 1000 je 4-sekündigen Kurzporträts jeder einzelnen Schraube, jedem Nagel und noch so winzigen Ersatzteil aus einem Werkzeugkasten, den die Künstlerin vor ein paar Jahren gefunden hatte, einen Soloauftritt in XXL gönnt. Indem Hultén das Unscheinbare ins Überzeitliche vergrößert, scheint plötzlich das Geheimnisvolle und Eigenwillige greifbar zu werden, das jedes Ding birgt. Das Interesse für solche Verschiebungen von Raum und Zeit im Objekt begleitet sie schon lange. Exemplarisch kann dafür „Mutual Annihilation” von 2008 stehen, eine schäbige, angestoßene Kommode in Giftgrün, die Hultén abfotografierte und dann in tagelanger Arbeit sorgfältig restaurierte, um sie anschließend nach Vorlage der Fotos mit ebenso großer Sorgfalt wieder in ihren ursprünglichen Zustand zu versetzen. Für eine andere, spätere Serie zerkleinerte sie Spanplatten, die sie in Berlin auf der Straße fand, um das mit Kunstharz gebundene Holzmehl in ihre früheren Formen zu gießen. Realität, so legen Hulténs Arbeiten nahe, ist nie abgeschlossen, sondern immer fließend. Eine Summe möglicher Effekte nicht kalkulierbarer Handlungen. Nichts muss so sein, wie es ist.

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Sofia Hultén, Mutual Annihilation, 2008, Courtesy Daniel Marzona, Berlin, Galerie Nordenhake, Stockholm, © Sofia Hultén, ProLitteris Zürich, Fotos: Sofia Hultén
In „One Way or Another” von 2017 dekliniert Hultén so gleich mehrere Varianten der Ereignisse durch, dank der die Einzelteile dieser Arbeit – ein verbogener Schlüssel, ein farbverschmiertes Sweatshirt, eine Tasse mit abgebrochenem Henkel – derart hätten ramponiert werden können. Gleich nebenan, gewissermaßen als Spiegelbild, steht ein Labyrinth aus fünf identischen, paraventartig gefalteten Zaunsegmenten, in deren Maschen in unterschiedlichen Konstellationen je ein grauer Hoodie, ein Tennisball und ein abgerissenes Plakat hängen („History in Imaginary Time”, 2012). Scheinen diese Arbeiten trotz aller Offenheit am Prinzip von Ursache und Wirkung festzuhalten, zerlegt Hultén in ihrer Video-Serie „Nonsequences” (2014) alltägliche Handlungsabläufe in einzelne Elemente und setzt diese mit viel Humor und großer Lust am experimentellen Erzählen neu zusammen. Der Apfel etwa, den Hultén in einem der Videos essen wird, landet so zuerst im Müll, bevor die Künstlerin ihn eingedreckt in eine Tüte packt, die sie an ihrer Hose sauber reibt, um dann in den in Plastik gehüllten Apfel zu beißen. 


Sofia Hultén: Here's the Answer, What's the Question?
Museum Tinguely
Paul-Sacher-Anlage 1, Basel.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 1. Mai 2018.

Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen: Birmingham / Basel 2017, 128 S., 19,80 Euro | ca. 25 Franken.

 

 




Musuem Tinguely