23/02/18

Rasselnde Lebensringe

In Basel würdigen zwei Ausstellungen den Maler, Zeichner und Bildhauer Georg Baselitz, der 80 Jahre alt geworden ist

von Yvonne Ziegler
Thumbnail

baselitzbruecke.jpg

Georg Baselitz, Der Brückechor, 1983, Privatsammlung © Georg Baselitz, 2018, Foto: © 2014 Christie's Images Limited
Richtungswechsel im Zehnjahresrhythmus. Anlässlich des 80. Geburtstages des Malers und Bildhauers Georg Baselitz, der 1938 als Hans-Georg Kern in Deutschbaselitz auf die Welt kam, schaut man in einer Doppelausstellung des Kunstmuseum Basel und der Fondation Beyeler auf sein mehr als sechzigjähriges Œuvre. Der Maler und Zeichner tritt etwas deutlicher hervor als der Bildhauer. Gleichwohl die brachiale Art, mit der Baselitz aus Baumstämmen mit der Kettensäge grobschlächtige Figuren schafft, ebenso wichtig für den Zugang zu diesem laut schmetternden Werk ist. „Zero Ende“ lautet etwa der Titel einer 2013 entstandenen Bronze, deren Gussvorlage aus einem Stück Holz geschaffen wurde. An jedem Ende befindet sich ein Totenkopf, um das Verbindungsstück liegen lose sieben Ringe. Ansprüche an das eigene künstlerische Vermögen und die Unvermeidbarkeit des Todes klingen an. Aus Lebensringen werden Rasseln, bodennah, schwarz und schwer wie für die Ewigkeit gegossen.

Baselitz schöpft aus dem Urgrund des Kreatürlichen. Daher wundert es kaum, dass er 1985 in seinem Manifest „Das Rüstzeug der Maler“ der Höhlenmalerei Referenz erwies. Eine Kunst, die Grundbedürfnisse wie Hunger, Liebe und Freiheit äußerte. Es waren künstlerische Versprechen, die in der darauffolgenden Zeit, so Baselitz, als illusionistisch entlarvt wurden. Er selbst malt sie dennoch, nie beschönigend, sondern fleischlich und teilweise bis ins Groteske überzogen.

Für Baselitz‘ hartnäckig an der Figuration festhaltendes Œuvre führt der Katalog biografische Gründe an: die Konfrontation mit den Trümmern des zerstörten Deutschlands, der Konflikt mit dem Nazi-Vater, der Ideologiewechsel vom Sozialis­tischen Realismus hin zum Amerika hörigen Informel und nicht zuletzt die Ablehnung seines Malstils gleichermaßen in Ost- und Westberlin. Noch als Student schrieb er angestachelt von der Lektüre Antonin Artauds mit Eugen Schönebeck das „Pandämonium-Manifest“, das sich gegen die vorherrschende Kunst richtete. Auf Krawall gebürstet schuf er mit den von den Leinwänden seiner Kommilitonen abgekratzten Farbresten dezidiert Abscheuliches: abgehackte, monströse Füße, monumental auf Grau. Dem guten Geschmack des Kunstpublikums knallte er 1963 in seiner ersten Einzelausstellung düstere Gemälde von masturbierenden armseligen Gestalten vor den Latz. Was als Provokation gegenüber dem Kunstestablishment gemeint war, ließ die Polizei anrücken: zwei Werke wurden konfisziert, eines davon, „Die große Nacht im Eimer“ ist in der Ausstellung in der Fondation Beyeler zu sehen. Es waren männlich dominierte Machtstrukturen, gegen die der junge Künstler verbissen anmalte. Mit seinen „neuen Typen“ kreierte er Antihelden mit kleinen Köpfen, zerfledderten Uniformen, verletzten Gliedern und offener Hose. Dem Figürlichen blieb Baselitz trotz Anfeindungen immer treu, mit den Helden kamen zudem erste Erfolge. Doch erst durch den Schachzug, anhand von Fotografien Gemälde auf dem Kopf zu malen, gelang ihm, nachdem er zuerst belächelt wurde, mit Hilfe einiger Galerien 1969 der Durchbruch.

Baselitz‘ Werk zeugt von einer tiefgründigen Auseinandersetzung mit den Eigentümlichkeiten der Malerei. Motive auf den Kopf zu stellen, zwingt den Betrachter vom Dargestellten abzusehen, da dieses nicht sofort identifizier- und überprüfbar ist, und die Malerei selbst zu sehen. Die Lösung war durch seine „Frakturbilder“ vorbereitet worden und wurde durch verschiedene  Methoden weiterentwickelt, wie die Reduktion auf grobe Umrisslinien, das Abmalen eigener und fremder Gemälde bis hin zu Drippingspuren und dem Hinterlassen von Fußabdrücken auf den Bildern, die er ab 1990 auf dem Boden liegend schafft. Anrührend sind die neusten Arbeiten. Den Verfall des alternden Körpers annehmend, werden die hellen Figuren vom Sfumato des Vergehens umweht. Allein für diese Werke lohnt es sich, einen Blick in die Ausstellungen zu werfen.  


Georg Baselitz.
Fondation Beyeler
Baselstr. 101, Basel-Riehen.
Öffnungszeiten: täglich 10.00 bis 18.00 Uhr. Mittwoch 10.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 29. April 2018.
Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen, 268 S., 58 Euro | ca. 78.90 Franken.


Georg Baselitz: Werke auf Papier.
Kunstmuseum Basel
Neubau, St. Alban-Graben 20, Basel.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 10.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 29. April 2018.
Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen, 136 S., 28 Euro | 46.90 Franken.

 

 

 




Kunstmuseum Basel
Fondation Beyeler