23/11/11

Bewegung im Raum

Im Basler Museum Tinguely ist eine sehenswerte Retrospektive von Robert Breer zu sehen.

von Annette Hoffmann
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Im Basler Museum Tinguely ist eine sehenswerte Retrospektive von Robert Breer zu sehen.Robert Breer

Es ist ein Vabanquespiel und findet doch noch viel langsamer als in Slowmotion statt. Man muss sich zu Robert Breers „Floats“ hinunterbeugen, um sich zu vergewissern, dass sie sich auch wirklich bewegen und auch um das leise Surren des Motors zu hören. Dass man sich bereitwillig bückt, zeigt, wie sehr Breer diese schlichten geometrischen Formen zu Protagonisten geformt hat. „Tank“ heißt dieses grüne Kreissegment auf vier Rädern, „Switz“ – und so viel Witz muss ein – ein Quader mit käseähnlichen Löchern und „Float Porcupine“ ist nichts anderes als ein Stück Schaumstoff, in das er unzählige Zahnstocher gesteckt hat, die wie Stacheln abstehen. Man kommt nicht umhin, diesen Skulpturen menschenähnliche Eigenschaften zuzugestehen. Reine Faulheit also, wenn einer der kleinen Floats mit einem der gut zwei Meter hohen abgerundeten Zylinder zusammenstößt und sich für einige Minuten mitnehmen lässt. Bis die beiden von einem der Aufseher getrennt werden. Und fast schon divaesque mutet es an, wie sich die goldfarbene Folie „Rug“ am Boden aufbläht, knistert und einem barocken Mantel gleich Falten wirft und so ihr Volumen, aber auch ihre Ausbreitung im Raum verändert. Breer verstand die Skulptur als nichts Statisches, sie war Bewegung im Raum. Das Basler Museum Tinguely ist nun nach dem Baltic Centre for Contemporary Art die zweite Station. Der Zufall wollte es, dass die Ausstellung nun doch eine richtige Retrospektive geworden. Die Basler Eröffnung erlebte Breer nicht mehr, er starb mit 84 Jahren in diesem Sommer in den USA.

Begibt man sich auf einen Rundgang durch das Erdgeschoss des Museums wundert man sich fast, wie sehr Breer mit den „Floats“ das untere Spektrum von Geschwindigkeit ausreizt. 24 Bilder pro Sekunde laufen in seinen Animationsfilmen über den Bildschirm. „But somehow that’s not the way perception works“, kommentiert Breer diese Überforderung und wirklich sind es mehr Bilder als das Auge fassen kann. Und so sieht man in „A man and his dog by air“ aus dem Jahr 1957 Linien, die sich zu Schnüren finden und sich dann wieder neu arrangieren bis am Ende deutlich sichtbar ein dicker Mann mit einem Hund entstanden ist. In „68“ scheinen farbige Flächen vor allem zu pulsieren. Die Geschwindigkeit, mit der die Bilder auf den Betrachter einströmen, verhindert, dass sie sich zu einer Erzählung fügen, die Rezeption ist assoziativ und sprunghaft. Breer, der erst Maschinenbau studierte bevor er zur Kunst kam, vereint in seinen Animationsfilmen Grafisches, Typographie, manchmal gibt er Einblick in sein private Fotoalbum, aus dem der Künstler fröhlich grinst, dann sind wieder Zeichnungsfolgen zu sehen. Das Museum fächert sie in einzelne Stills auf.

Er sei stark vom Experimentalfilm der 1920er Jahre eines Hans Richters oder Viking Eggelings beeinflusst gewesen, hat Breer einmal gesagt. Aber auch von den optischen Vorgängern des Films, dem Daumenkino oder dem Mutoskope. Bereits 1955 bei der legendären Ausstellung der Galerie Denise René „Le Mouvement“, die 2010 im Museum Tinguely rekonstruiert wurde, zeigte Robert Breer keines seiner abstrakten Farbflächenbilder. Er präsentierte ein Daumenkino und filmte zusammen mit Pontus Hultén die Ausstellung. Im Museum Tinguely sind die Bilder, die Breer den Ruf eines Eklektikers einbrachten, auch zu sehen. Sie sind sichtlich eine Auseinandersetzung mit Mondrian, dem Konstruktivismus und dem Futurismus, ein Einfluss, unter dem auch seine Animationen standen. Sehr ästhetisch, sicherlich nicht weltbewegend, aber wenn man genau hinsieht, dann glaubt man zu erkennen, wie auf der Leinwand hier Objekte aufeinanderzusteuern, aneinanderstoßen, um im nächsten Moment eine andere Konstellation zu ergeben. Als Breer einmal einen Konferenzraum entwarf, ließ er ihn sich um die eigene Achse drehen. Die Leute werden in eine andere Umgebung entlassen, kommentierte er die Zeichnung. Es ist ja nicht so, dass dies nichts im Kopf bewirken würde.

Robert Breer, Retrospektive. Museum Tinguely.
Paul-Sacher-Anlage 1, Basel.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 29. Januar 2012.
Im Kerber Verlag ist ein Katalog erschienen, 168 S., 35 €, 47.90 CHF.
Museum Tinguely