21/02/18

Game over nach 10.000 Bildern

40 Jahre nach Erfindung des Videospiels fragt eine Ausstellung in Rapperswil nach dem Zusammenhang von Spiel und Alltag

von Tobias Humm

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Alan Butler, aus: Down and Out in Los Santos, 2016–, © Alan Butler
Eine Schlange aus mehrheitlich blauem Stoff zieht sich durch den halben Raum. Stellt sie einen Fluss dar? Es ist eine Erinnerung an die Kinderspiele ihres Schöpfers Remo Stoller (*1977) und soll die Erinnerungen des Publikums an die eigenen Spielerlebnisse wachrufen. In einer Ecke liegen zehntausend Fotografien über den Boden verstreut und dazu etwas Müll. Die überwiegende Farbe der Bilder ist blau. Keines der Bilder ist so, dass man es aufbewahren möchte, sind sie auch Müll, Bildermüll eben, oder gehören sie zu einem Spiel, das sich einem nicht so schnell erschliesst? Stellen sie ein Meer dar?

Zu sehen sind die Arbeiten derzeit in einer Gruppenschau in der Alten Fabrik Rapperswil, kuratiert von Josiane Imhasly, die als aktuelle Stipendiatin der Gebert-Stiftung 13 Kunstschaffende einladen hat, über die Bedeutung des Spiels in der Kultur der Gegenwart zu reflektieren.

Ein grosses Gemälde an der Wand zeigt Spielkonsolen, die Artefakte der spielenden Neuzeit. In einer Videoarbeit schaut man japanischen Feuerwehrmännern in blauen Arbeits-Overalls beim Versuch zu, einen nicht brennenden Fernseher zu löschen. Spielen sie oder üben sie? Die Mischung von unbeholfenem Ballett und kindlich-militärischen Formen lässt auf eine Übung schliessen, das Wasser, das plötzlich durch den Schlauch schiesst, ist echt, und der Schlauch wirbelt unter dem Druck des Wassers über die Wiese wie eine wild gewordene Schlange. Die Welt wird in dieser Arbeit des Genfer Duos collectif_fact (Annelore Schneider, *1979, und Claude Piguet, *1977) zum Spielfeld und zur Übungsbasis. Angesichts des Ausstellungsthemas fragt man sich, ob das Video interaktiv sei, ob verschiedene Ausgänge des Spiels möglich seien – doch nein, der Ablauf ist gegeben, die Arbeit spielt mit uns und unserer Neugier.

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Pilvi Takala, Players, 2010 (r.), Videostill, © Pilvi Takala
Die Künstlerinnen und Künstler dieser Ausstellung hinterfragen unsere Spielkultur 40 Jahre nach Erfindung des ersten Videospiels. Inzwischen spielen beinahe zwei Milliarden Menschen täglich Videospiele in irgendeiner Form. Und zahlreiche Anwendungen von alltagstauglichen, aber auch alltagsnotwendigen Funktionen unserer elektronischen Lebenshilfen ähneln immer mehr den Oberflächen von Computerspielen. Das Spiel in seinen neuen Formen dringt in unser Leben, Handeln und Denken ein. Wir werden Teil eines weltweiten Games mit Apps und Gadgets, ob wir das wollen oder nicht.

Fünf grosse Farbfotografien zeigen Personen, die sich in Fantasiekostüme gekleidet haben. Doch sie spielen noch nicht. Ein schwarzer Kapuzenmann bügelt an seinem Kostüm. Ein furchteinflössender weisser Teufel sitzt wartend am Küchentisch, unter dem ein grosser Hund wacht, ein Einhorn liegt in der Badewanne. Es hat wohl sein Spiel schon hinter sich und sucht den Weg zurück in den Alltag. Unter zwei kleinen Glaskuppeln von Katja Loher (*1979) kann man zwei Toy-Charakteren beim Tanz zuschauen. Ein faszinierendes Miniaturkino, das in Zusammenarbeit mit der Performerin Saori Tsukuda und dem Audio Designer Asako Fujimoto entstanden ist.

Wer die Ausstellung gegen den Uhrzeigersinn durchschreitet, entdeckt als eine der letzten Arbeiten ein kleines Aquarell: Der 2007 verstorbene Aargauer Künstler Christian Rothacher hat die ganze Fläche in Dunkelgrau ausgemalt, ausser den Augen von zahlreichen Spielwürfeln. Das Spiel erscheint hier als Lichtblick in einer düsteren Welt.

Die 10.000 Fotos am Boden sind übrigens eine Arbeit des irischen Künstlers Alan Butler (*1981) und dürfen mitgenommen werden. Wenn jemand das letzte Bild aufhebt, ist das Spiel aus.

 

Gut gespielt: Der Mensch und sein Avatar.
Alte Fabrik
Klaus-Gebert-Str. 5, Rapperswil.
Öffnungszeiten: Mittwoch 12.00 bis 18.00 Uhr, Samstag bis Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr.
Bis 4. März 2018.

 

 

 




Alte Fabrik