16/02/18

Freiheit, Amanzipation und Imagination

In Stuttgart sucht die Ausstellung "Wo sind die Wolken?" die Verbindung zwischen Kunst, Poesie und Theorie

von Dietrich Roeschmann

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Frédéric Moser & Philippe Schwinger, Capitulation Project, 2003, Courtesy Galerie Jocelyn Wolff / KOW Berlin
„Was sind die Wolken?” Othello wirkt überrascht, wie er da so neben Jago auf der Müllhalde liegt und in den Himmel blickt, den er noch nie zuvor gesehen hat. Wie auch? Er kennt nur das Marionettentheater, in dem er Abend für Abend an Fäden auf der Bühne hängt und zusammen mit Jago und Desdemona den ewigen Plot um Liebe, Verrat, Eifersucht und Selbstzerstörung gibt. Mit dieser Szene endet Pier Paolo Pasolinis „Che cosa sono le nuvole?” von 1968. Der Kurzfilm, der derzeit im Zentrum einer Ausstellung im Kunstgebäude Stuttgart steht, kreist um den Zusammenhang von Freiheit, Emanzipation und Imagination – und mündet in der Selbstermächtigung des Publikums, das nicht einverstanden ist mit dem Verlauf von Shakespeares Tragödie: Desdemona ist unschuldig! Sie soll leben! Entsprechend beherzt greift es in den Plot ein und wirft die beiden Hauptprotagonisten am Ende auf den Müll. In der kalkulierten Verwechselung von Bühne und Realität eröffnet Pasolinis Othello-Version einen Möglichkeitsraum des Handelns jenseits der Logik angeblich alternativloser Entscheidungen – eine schöne Hommage an die Kunst und ihre emanzipatorische Kraft.

In Stuttgart hat das Kuratorinnenduo Iris Dressler und Christine Peters um Pasolinis Film nun einen dichten Ausstellungsparcours arrangiert, der in Arbeiten von knapp einem Dutzend Kunstschaffenden der Frage nachgeht, wie in der Kunst Poesie, Theorie, Politik und Analyse ineinandergreifen können. Auffallend ist dabei der Hang zu Re- oder Gegenlektüren bekannter Werke wie Peter Weiss’ Doku-Theaterstück „Viet Nam Diskurs” von 1967, dem das Künstlerkollektiv CPKC eine Archivinstallation über die Rezeption und Dokumentation revolutionärer Bewegungen zur Seite stellt, Catarina Simãos filmische Re-Montage „Mueda 1979” über ein Massaker an Unabhängigkeitskämpfern in Mosambik oder das bewegende, von Frédéric Moser & Philippe Schwinger für die Videokamera inszenierte Re-enactment einer Aufführung der New Yorker Performance Group, die 1972 gemeinsam mit ihren Publikum in sich ständig wiederholenden Rollenspielen die extrem emotionale Aufarbeitung des Massakers im vietnamesischen Mỹ Lai probte („Capitulation Project”). Auch gut: Ana Vaz’ kopfüber flackernde Videoarbeit „Amérika: Bahía de las Flechas”, in der die junge Brasilianerin Theorien des Postkolonialismus mit der des Anthropzäns verbindet.        

 

Wo sind die Wolken?
Kunstgebäude Stuttgart
Schlossplatz 2, Stuttgart.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr, Mittwoch 11.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 4. März 2018.


 

 

 

 




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