02/02/17

Zonen des Übergangs

Zu den aktuellen Bildern des Malers Martin Kasper

von Dietrich Roeschmann

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Martin Kasper, o.T., 2016, Courtesy the artist

Ein Raum ist schnell definiert, wenn man seine Maße kennt: Höhe, Länge, Tiefe – fertig. Als erfahrbare Grösse lässt er sich durch diese kargen Angaben jedoch kaum fassen: Weil Raum eben nie Volumen allein ist, sondern sich immer auch über Material und Architektur definiert, über Licht, Atmosphäre, Funktion. Und über sein Verhältnis zu anderen Räumen – zu Kulturräumen, Landschaftsräumen, Assoziationsräumen, Erinnerungsräumen.

Martin Kasper, 1962 in Schramberg geboren und Absolvent der Karlsruher Kunstakademie, an der er von 1982 bis 1987 bei Peter Dreher studierte, interessiert sich seit langem für die atmosphärische Wirkung von Räumen und die Vorstellungen, die wir mit ihnen verbinden. Er tut dies als Maler, oft auf großformatigen Leinwänden, bis vor kurzem ausschließlich in lasierenden Temperafarben, in jüngster Zeit vorzugsweise auch in Öl. Seine Aufmerksamkeit gilt dabei vor allem den schwer fassbaren Zonen des Übergangs, in denen Geschichte und Gegenwart, Wirklichkeit und Fiktion kaum wahrnehmbar ineinander diffundieren und die architektonischen Qualitäten eines Raumes als Symptome seiner sozialen und politischen Funktionen entzifferbar werden – als Erinnerungsreste des kulturellen Gedächtnisses und der Utopien, die in ihm aufgehoben sind.

Nur selten richtet Martin Kasper seinen Blick dabei hinter verschlossene Türen – eine Ausnahme bilden da allenfalls einige Atelieransichten, die in unregelmäßigen Abständen entstehen, gewissermaßen als Reflexionen über den Ort des eigenen Tuns. Ansonsten sind die oft menschenleeren Räume, die Martin Kasper in seiner Malerei erkundet, fast ausnahmslos öffentlich: Kongresshallen, Kinofoyers, Bühnenräume. Und immer wieder Wartesäle, Flure, Eingangshallen – Transiträume also, die unterschiedliche Orte miteinander verbinden und dadurch eine Bewegung auslösen, ohne je selbst Ziel dieser Bewegung zu sein.

In der vagen, scheinbar jeder Zeitlichkeit entrückten Offenheit dieser Motive liegt ein unwiderstehlicher Reiz. Lassen die von Martin Kasper bevorzugten Achitekturen keinen Zweifel daran, dass sie einst auf der Gewissheit bauten, die moderne Utopie vom besseren Leben, von Demokratie, Bildung und „Kultur für alle” adäquat in gebaute Realität zu übersetzen, so erzählt ihre Patina und die Stille, die sie umgibt, zugleich vom schleichenden Bedeutungsverlust eben dieser Utopien – wenn nicht gar von ihrem stillschweigenden Scheitern.

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Martin Kasper, o.T., 2016, Courtesy the artist

Martin Kaspers Räume verharren in einem seltsam diffusen Schwebezustand zwischen Erinnerung und Erwartung. Und auch wenn nahezu alle gemalten Räume ihren je eigenen Referenzraum in der Realität haben, so sind sie doch nicht von dieser Welt, sind imaginäre Räume, konstruiert aus den Versatzstücken der Erinnerung, die bekanntlich ihrer eigenen Logik folgt. Peter Fischli und David Weiss fingen die geheimnisvolle Schönheit derart verwaister Räume einmal in der knappen Frage ein: „Was ist in meiner Wohnung, wenn ich nicht da bin?” Die Bilder, die uns beim Versuch einer Antwort auf diese Frage durch den Kopf gehen, könnten von Martin Kasper stammen, prall gefüllt mit einer gleichermaßen von Poesie und stillem Unbehagen durchdrungenen Leere.  

Einen eigenen Strang in Kaspers Œuvre bilden die Ansichten von Ausstellungsräumen. Wie die Foyers und Lobbys, die Treppenhäuser und Wartezonen seiner übrigen Architekturbilder kennzeichnet auch sie eine kühle, traumverlorene Weitläufigkeit, die den Blick – statt ihm Ruhe zu gönnen – durch offene Türen in neue Räume zieht, in Treppenaufgänge, Flure oder Saalfluchten, möbliert mit Stellwänden, Sockeln, Bänken oder Vitrinen, die sich in polierten Böden spiegeln.

Die Motive der Gemälde, die in Kaspers gemalten Musemsräumen an den Wänden hängen, sind oft nur schemenhaft zu erkennen. Nicht selten bleiben sie graue Rechtecke – wie jenes Bild im Bild auf ockerfabenen Grund, das als Schatten seiner selbst im Zentrum von Kaspers Ansicht des "Salle des Etats" prangt. Im wirklichen Leben beherbergt dieser größte Saal des Louvre die Mona Lisa, an der stündlich im Schnitt bis zu 3000 Besucher vorbeipilgern, das Handy griffbereit, die Kamera aufgezoomt über den Köpfen der anderen. Es dürften die meist fotografierten Ausstellungswände der Welt sein, die diesen Raum einhegen. Für Kaspers Bild ist das nicht unbedeutend. In kaum einem anderen Kunstraum lässt sich der fundamentale Wandel der Institution Kunstmuseum derart eindringlich erleben. Einst Schule der Betrachtung und Hort einer endlos wachsenden Anzahl historischer Artefakte zur Erbauung und Bildung bürgerlicher Subjektivität, hat sich das Kunstmuseum heute mitunter in eine Event Location für amorphe Touristenmassen verwandelt, hin- und hergerissen zwischen Schaulust, Sensationshunger, Langeweile und Sightseeing-Disziplin.   

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Martin Kasper, Salle des Etats, 2016, Courtesy the artist

Martin Kasper hat den "Salle des Etats" leergeräumt. Er hat die Architektur auf das Nötigste reduziert, und mit den Besucherströmen auch gleich das hölzerne Gestell und die Flughafenabsperrungen aus dem Bildraum verbannt, welche die Mona Lisa im wirklichen Leben vor ihren Fans schützen sollen. Martin Kaspers zentralperspektivischer Blick gilt der Konstruktion der Stellwand, an der "La Gioconda" hinter Panzerglas hängt. Er gilt auch Klarheit der Linien und dem Spiel des Lichts, das milchig-grünlich von der Decke rieselt wie ein durchsichtiger Gazeschleier, reflektiert vom dezent schimmerden Fischgrätparkett.

Auf denkbar beiläufige Weise umreißt Kasper hier, worum auch viele seiner anderen Museumsbilder kreisen. Tatsächlich geht es hier nicht zuerst um die Aktivierung des melancholischen Potenzials verlassener Kunsträume, und schon gar nicht um ihre kulturkritische Bewahrung vor den Herausforderungen des kulturellen Massenkonsums. Was Martin Kasper im Sinn hat, ist eine malerische Erkundung der Inszenierungen des Zeigens.

Ob im Tunnelblick auf die streng gerasterten Oberflächen des Hodlersaals im Kunsthaus Zürich, der in einer ätherisch leuchtenden Lichtkammer mündet. Ob in der nüchternen Ansicht einer Vitrine auf einem namenlosen Museumsflur oder in der hochformatigen Totale einer lichtdurchfluteten Treppenlandschaft im Kunstmuseum Basel, halb verdeckt von der Skulptur eines Torsos – im Zentrum all dieser Bilder scheint vor allem die Frage zu stehen: Auf welche Weise prägen Architektur und Interieur von Museen unsere Wahrnehmung von Kunst? In welche Beziehungen lassen sie Bild und Betrachter treten? Und welche Rolle spielen Licht und Farbe dabei? Aber auch: Welche Raumkonstruktionen, die sonst kaum denkbar wären, welche Raumerfahrungen ermöglicht die Anwesenheit von Kunst? Welche Dialoge stiftet sie zwischen ihren eigenen Bildräumen und dem Realraum und welche Folgen hat das für unsere Wahrnehmung der Architektur?  

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Martin Kasper, Mykene, 2016, Courtesy the artist

Ein schönes Beispiel für die ebenso verwirrende wie inspirierende Komplexität der Bildräume Martin Kaspers liefert das doppelte Landschaftsbild „Mykene”. Im Zentrum des Bildraums steht hier eine Vitrine auf einem Sockel, der sich in den schwarz-weißen Ornamenten eines Steinbodens spiegelt. Der transparente Kubus präsentiert das Modell einer Landschaft, die sich zu einem Panoramafenster an der Rückseite des Ausstellungsraumes mit Blick auf eine Bergkette hin öffnet. Auch diese wird vom Boden reflektiert, mäandert weiter durch den Bildraum im Auschnitt eines Kippfensters im benachbarten Treppenhaus. Die Konfrontation der Natur im Fensterrahmen mit ihrer staubgeschützten 3-D-Kopie in Vitrinenformat wirkt wie ein Treppenwitz der Kunstgeschichte und erzeugt zugleich den Eindruck der vollständigen Auflösung des architektonischen Gefüges. Während die Grenzen zwischen Innen und Außen sukzessive verschwimmen, öffnet sich der Bildraum hier in einer Vielzahl von Nischen, Fluchten, horizontalen und vertikalen Schnitten und Blickachsen in sämtliche Richtungen. Es ist, als betrete man eine Explosionszeichnung. Auf wunderbar subtile Weise setzt Kasper so nicht nur seine Bildräume, sondern auch das Nachdenken über den Raum als Bedingung unserer Wahrnehmung in Bewegung.  



Nazinine Pouyandeh & Martin Kasper
3. bis 25. Februar 2017
Galerie Sator, Passage des Gravilliers 10, rue Chapon, Paris.


Martin Kasper: Randzonen
4. März bis 16. April 2016
Galerie Strzelski, Rotebühlplatz 30, Stuttgart.


Martin Kasper: Architecture and Transgression
22. Juni bis 30. Juli 2017
Schusev State Museum of Architecture,Vozdvizhenka St., 5/25, Moscow.




Martin Kasper