24/11/11

Die Welt als Kosmos der Seele

Werke von Anselm Kiefer aus der Sammlung Hans Grothe sind im Baden-Badener Museum Frieder Burda zu sehen.

von Julia Bömers
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Werke von Anselm Kiefer aus der Sammlung Hans Grothe sind im Baden-Badener Museum Frieder Burda zu sehen.Anselm Kiefer

Monumental und lastend sind Anselm Kiefers Gemälde aus der Sammlung von Hans Grothe, die derzeit im Museum Frieder Burda zu sehen sind. Von Blei und dicken Farbschichten be­schwert, zeigen sie Sternenhimmel, weite Flächen, enorme Bauten: Es geht um Großes, um Welt – die Welt, wie Kiefer (*1945) sie empfindet oder das Bedürfnis hat, sie darzustellen, die Welt als Kosmos der Seele. Ein endloser Morast ohne Entrinnen ist es, Himmel und Erde zumeist aus gleichem Stoff, düster, schwer und immer im Aufruhr, als wühle der Künstler in den dunkelsten, verdrängtesten Schichten menschlichen Daseins, uralten Dreck, Qual und Wut aufwirbelnd. Nicht wie sonst so oft mit dem Dritten Reich befasst er sich hier, sondern mit Themen christlich-jüdischer Mythologie. Doch der Krieg, weniger als Ereignis denn als innerer Zustand, ist fast omnipräsent – gemäß Kiefers Überzeugung, in uns seien jahrtausendealte Erinnerungen gespeichert. Im Gemälde „Lilith“ von 1987 bis 1990, das sich auf den gleichnamigen biblischen städtezerstörenden weiblichen Dämon bezieht, setzt sich das Mythische im Heute fort: Kiefer zeigt eine megalomane, lebensfeindliche, raketenbeschossene Wolkenkratzer-Stadt auf lehmigem Boden – dem mythischen Urzustand der Erde – in archaisch anmutendem Kriegszustand. Tief in den Ablagerungen der Seele liegt der Krieg bei Kiefer vergraben, als uralte Erinnerung, wiederkehrendes Trauma oder depressive Weltsicht. Dicke Farbschichten überdecken diese und vermögen sie doch nicht zu bändigen: Sie manifestieren sich in düsterer Naturwahrnehmung, lebensfeindlichen Bauten oder im Individuum, das im Zerstörtsein verharrt wie die Schiffe in „Voyage au bout de la nuit“ von 2002. Ein gespenstischer Reigen auf die Leinwand geklebter rostiger, zerbeulter Schiffe gemahnt an gesunkene Kriegsschiffe und wirkt zugleich wie erstarrte und geschwächte Aspekte des Ich.

Kein Licht, keine Weite gewährt Kiefers dunkle, verwirrende Welt, in der Mikro- und Makrokosmos einander spiegeln und durchdringen. Nur eine Ahnung von Positivem scheint mitunter auf: „Das fruchtbare Land“ (2009) frappiert mit seiner ungewöhnlichen Dynamik der vom morschen Turm zu Babel herunterprasselnden Steine. Der Fall aber bedeutet Befreiung: Die Steine, deren individuelle Beschriftung mit Städtenamen nun sichtbar wird, liegen da wie Personen, noch matt, aber befreit vom Zwang des massiven Baus. Eindrucksvoll auch taucht in „Essence“ von 2011 ein alpines Gebirge aus Wolkenschwaden hervor, scheint mit enormer Kraft emporzudringen, böse und konstruktiv zugleich. „Frieden“, sagte Anselm Kiefer, „kann man erst erlangen, wenn man den Krieg im Kopf ausgehalten hat.“

Anselm Kiefer. Arbeiten aus der Sammlung Hans Grothe.
Museum Frieder Burda

Lichtentaler Allee 8b, Baden-Baden.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 15. Januar 2012.
Museum Frieder Burda