22/01/18

Auf dem Sprung

Die Plattform 18 ist zu Gast im Kunsthaus Langenthal. Fünf Fragen an die diesjährige Jury

von Dietrich Roeschmann

ShirinYousefi.jpg Shirin Yousefi, Blancheur, 2016, Beton, Textilien, Acryl, Dimension variabel
Artline: Die Plattform versteht sich als Bühne für junge Kunstschaffende auf dem Sprung von der Kunstschule in die Karriere. Nach welchen Kriterien wählten Sie unter den Absolventen der sieben Schweizer Kunstschulen die zwölf teilnehmenden Künstlerinnen und Künstler aus?

Team der Plattform 18: Vor dem Besuch der jeweiligen Diplomausstellung studierten alle Jurymitglieder die eingereichten Portfolios. Es war uns wichtig, mit einem Überblick über das komplette Schaffen der Künstlerinnen und Künstler unsere Auswahl zu treffen.  Dabei haben wir besonderes Gewicht auf Eigenständigkeit und Reflexionsgrad in der künstlerischen Praxis gelegt und zugleich versucht, unsere persönlichen Interessen an bestimmten Themen oder individuellen Vorlieben für gewisse künstlerische Medien auszuklammern. Der Fokus galt also der Qualität des Umgangs mit dem Thema. Wurde ein eigenes künstlerisches Vokabular innerhalb des gewählten Themenbereichs gefunden? Wie wurde das dafür gewählte Medium verwendet? Wie reflektiert sind Themenwahl und Vorgehen, wie fokussiert der Umgang mit dem Thema, wie stimmig der künstlerische Prozess? Selbstverständlich wurden auch kulturpolitische Faktoren beachtet, primär standen aber die Positionen im Zentrum.

 

Artline: Was sind die dominierenden Themen in diesem Jahr?

Team der Plattform 18: Das lässt sich so pauschal nicht beantworten. Wir bemerkten bei der Sichtung der Portfolios jedoch schulspezifische Handschriften, sei es in Bezug auf die mediale Umsetzung, Präsentationsweisen oder inhaltliche Interessen. Bei der medialen Umsetzung waren auffallend viele Sound-Installationen und Performances präsent. Thematisch zeichnete sich eine Tendenz zum Spiel mit der Sprache und die Hinter- bzw. Befragung der Regeln ab, die unsere Gesellschaft und Denken strukturieren. Trotzdem dominierte aber kein spezifisches Thema, sondern die Diversität: Malerei, skulpturale Arbeiten in installativer Anordnung, konzeptuelle Werke, selbstreferentielle oder gesellschaftskritische Arbeiten.

 

Artline: Der Kunst, heißt es oft, gehe es derzeit extrem gut. Welche realistischen Aussichten haben junge Kunstschaffende unter diesen Bedingungen, von ihrer Kunst leben zu können?

Team der Plattform 18: Dass es der Kunst extrem gut geht, stimmt so leider nicht. 2017 schlossen einige Galerien in der Schweiz. Das ist ein Hinweis, dass es zuletzt für bestimmte Teilgruppen der Kunstwelt schwieriger wurde und die breite Basis an motivierten, mutigen Macherinnen und Machern im Kunstbereich, die (noch) unbekannte Positionen fördern wollen, schrumpft. Was die Kunstschaffenden betrifft: Spätestens seit den 1990er-Jahren setzte eine Professionalisierungswelle ein. Die Künstler/innen sind „Unternehmer ihrer selbst”, müssen diverse Nachweise erbringen und sich in einem kompetitiven Umfeld behaupten. Neben einem attraktiven Portfolio mit Ausstellungen, Auslandaufenthalten, Publikationen usw. ist ein Netzwerk unabdingbar. Der Einstieg in die professionelle Kunstwelt ist schwierig. Die Plattform versteht sich sprichwörtlich als Plattform in dieser Übergangsphase aber auch als Ort der Reflexion. 

 

Artline: Seit einiger Zeit findet die Pattform nicht mehr im Zürcher EWZ Unterwerk statt, sondern an wechselnden Orten, zunächst im Walcheturm, dann im Kunsthaus Glarus. Warum fiel die Entscheidung in diesem Jahr auf Langenthal?

Team der Plattform 18: Mit dieser Veränderung verdichteten unsere Vorgängerinnen und Vorgänger den „Plattform“-Gedanken, den auch wir weiterverfolgen. Erstens können die Kunstschaffenden so erste Erfahrungen in einer professionellen Institution sammeln.  Zweitens versteht sich das Projekt national, weshalb das nomadische Prinzip dem Gründungsgedanken mehr entspricht. Langenthal ist inmitten der Schweiz und gut erreichbar. Zudem sind die Räumlichkeiten grosszügig und wir schätzen die Zusammenarbeit mit Raffael Dörig und seinem Team.

 

Artline: Die Jury der Plattform 18 ist ausschliesslich weiblich: Statement oder Zufall?

Team der Plattform 18: Das ist reiner Zufall – aber kein uninteressanter.

 

Die Jurymitglieder der diesjährigen Plattform sind Roxane Bovet, Salome Hohl, Aline Juchler, Linda Lämmle, Bénédicte Le Pimpec und Mia Sanchez.

 

Die Künstlerinnen und Künstler der Platform 18 sind:

Inka ter Haar (*1980, Hochschule für Gestaltung und Kunst FHNW, Master) exerziert ihre Rolle als Malerin in einer männlich dominierten Tradition mit Symbolen und Selbstdarstellungen, die in ihrer Direktheit konfrontieren und gesellschaftskritische Fragen aufwerfen.

Gilles Jacot (*1990, Zürcher Hochschule der Künste, Bachelor) bearbeitet verschiedenste Materialien, zeichnet auf Papier oder zimmert in präzisen Handgriffen raumgreifende Installationen. Nicht selten kreiert er kleine Welten, denen ein narratives und bisweilen humorvolles Moment innewohnt.

Adriane Morard (*1987, Hochschule der Künste Bern, Bachelor) befragt individuelle Erfahrungswelten auf ihren Zusammenhang mit gesamtgesellschaftlichen Systemen. Dabei kreuzen sich in Morards Arbeiten immer ein kühl beobachtender mit einem einfühlsam subjektiven Blick.

Matteo Pomati (*1989, École cantonale d’art de Lausanne, Master) experimentiert mit Bildträgern, unterschiedlichen Medien und Ästhetiken. Er schafft poetische Ensembles, die zumeist vom Unspektakulären ausgehen oder Gegensätzliches wie Langeweile und Überlebenssysteme verbinden.

Gina Proenza (*1994, École cantonale d’art de Lausanne, Bachelor) erstellt, zwischen den Polen Fakten und Fiktionen wandelnd, Bilder, Texte, Gerüche oder Installationen, in denen Bedeutungsverschiebungen stattfinden.

Tina Reden (*1991, Zürcher Hochschule der Künste, Bachelor) beleuchtet Machtstrukturen, Wissensformen und Positionen des sprechenden Subjekts. Ihre Performances und Installationen verfügen gleichermassen über eine raumfüllende Präsenz, Subtilität und Sensibilität.

Antoine Siron (*1994, Haute école d’art et de design Genève, Bachelor) verfeinert in seinen mathematischen und philosophischen AuseinandersetzungenKlänge, die von visuellen Formen begleitet werden und einen erweiterten Zugang eröffnen. Für Plattform18 hinterfragt der Künstler Vorstellungen von Ursache und Wirkung, Unschärfe, Dunst und Illusion.

Yamu Wang (*1986, Zürcher Hochschule der Künste, Bachelor) packt eine Vielzahl an Fragen zu Identität, Herkunft und Sprache in subtile Ausdrucksformen. Mal durch blanken Text oder mithilfe filmischer Arbeiten ist sie auf der Spur unserer unbewussten und uns täglich beeinflussenden Identifizierungsstrukturen.

Anaïs Wenger (*1991, Haute école d’art et de design Genève, Master) interessiert sich in ihrer künstlerischen Praxis, die sie aus einer Warte der aufrichtigen Ironie und mit spielerischer Ernsthaftigkeit betreibt, für die narrative Konstruktion von Identität.

Arnaud Wohlhauser (*1992, Hochschule für Gestaltung und Kunst FHNW, Master) reorganisiert und imaginiert in seinen konzeptuellen Werken Regeln und Systeme, die spielerisches Handeln oder kalkulierte Entscheidungen herausfordern.

Shirin Yousefi (*1986, Haute école cantonale d’art de Lausanne, Master) benutzt in ihren ortsspezifischen Installationen Klänge, Sprache, Bilder, Gerüche oder die Leere und evoziert Gedanken zu muslimischen Gebeten und Protestbannern. Dabei hinterfragt sie Formen geopolitischer und kultureller Räume.

 

 

Plattform 18.
Kunsthaus Langenthal.
Marktgasse 13, Langenthal.
Öffnungszeiten: Mittwoch bis Freitag 14.00 bis 17.00 Uhr, Samstag und Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr.
1. bis 11. Februar 2018.

 

 

 

 

 

 




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