19/01/18

Keine Kunstsammlung wie jede andere

Die Bundeskunsthalle Bonn und das Kunstmuseum Bern legen Rechenschaft über den Fall Gurlitt ab

von Christiane Grathwohl-Scheffel

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Auguste Rodin, Kauernde, ca. 1882 (r.), Kunstmuseum Bern, Legat Cornelius Gurlitt 2014, Provenienz in Abklärung / aktuell kein Raubkunstverdacht, Foto: David Ertl, © Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH
Unter dem Titel „Bestandsaufnahme Gurlitt“ zeigt die Bundeskunsthalle in Bonn zeitgleich mit dem Kunstmuseum Bern eine Auswahl aus dem umfangreichen Nachlass des umstrittenen, für die Nationalsozialisten tätigen Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt (1895-1956). Sein Erbe wurde über Jahrzehnte von seinem Sohn Cornelius Gurlitt (1932-2014) in der Wohnung in München Schwabing, in der er zurückgezogen lebte und in dem elterlichen Ferienhaus in Salzburg aufbewahrt. Als Cornelius Gurlitt bei einer Zollkontrolle im Zug von Bern nach München im September 2010 zu Unrecht in den Verdacht der Steuerhinterziehung geriet und in der Folge 2012 die umfangreiche, an die 1500 Werke umfassende Kunstsammlung in seinen Räumen von der Staatsanwaltschaft beschlagnahmt wurde, löste dies 2013 einen beispiellosen Medienrummel aus. Von „Nazi-Schatz“ war die Rede und eine Forschergruppe von Kunsthistorikern und Juristen wurde zusammengestellt, für die der deutsche Staat die Finanzierung übernahm. Sie sollte als sogenannte „Taskforce Gurlitt“ klären, ob es sich bei dieser umfangreichen Privatsammlung um Raubkunst aus der Zeit des National­sozialismus handelte. Vor allem jüdische Kunstsammler waren enteignet worden, ihre Kunstwerke und schließlich ihr gesamtes Habe wurde verkauft, im Ausland zu Devisen gemacht, zerstört oder nationalsozialistischen Kunstsammlungen einverleibt. Die wissenschaftlichen Recherchen waren langwierig und zeitintensiv. Bevor Cornelius Gurlitt im Mai 2014 verstarb, erklärte er sich bereit, diejenigen Werke aus seiner Sammlung zurückzugeben, die eindeutig als Raubkunst zu identifizieren waren. Als alleinigen Erben seiner vom Vater übernommenen Kunstsammlung bestimmte er in seinem Testament das Kunstmuseum Bern. Die Arbeit der „Taskforce“ wurde 2016 am Deutschen Zentrum Kulturgutverluste in Magdeburg und unter dem Projektnamen „Provenienzrecherche Gurlitt“ fortgesetzt. Nun ist diese Privatsammlung soweit untersucht und erschlossen, dass sie in den beiden Ausstellungen in Bonn und in Bern vorgestellt werden kann. Die „Provenienzrecherche Gurlitt“ wird zum Jahresende 2017 ihre Arbeit beenden. In Bern wird der Teil der Sammlung gezeigt, der keine Vorbe­lastung aufweist und keine unrechtmäßig angeeigneten Werke enthält. Der Schwerpunkt liegt auf Werken der „Entarteten Kunst“ und auf Arbeiten aus dem Kreis der Familie Gurlitt, die selbst einige Künstler hervorgebracht hat.

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Privatfoto aus dem Nachlass Cornelius Gurlitts, auf der Kommode Auguste Rodins „Kauernde” (l.), Fotograf unbekannt; Auguste Rodin, Kauernde, ca. 1882
Die Bonner Ausstellung hingegen konzentriert sich auf rund 250 Werke, die NS-verfolgungsbedingt entzogen wurden und auf solche, deren Herkunft noch nicht geklärt werden konnte. Mit ihrem Schwerpunkt auf dem „NS-Kunstraub und den Folgen“ ist in dieser Ausstellung der genaue Blick auf die Zeitumstände und die verheerenden Auswirkungen der Politik der Nationalsozialisten auf die Schicksale der verfolgten Menschen in Deutschland und in den besetzten Gebieten verbunden. Der ambivalente Werdegang des Kunsthistorikers und Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt, auf dessen private und berufliche Aktivitäten die gezeigte Privatsammlung zurückgeht, ist der inhaltliche Auftakt der Präsentation. Seine Biografie durchzieht die Ausstellung wie ein roter Faden und seine Sammlung spiegelt eine verwirrende Vielfalt der unterschiedlichsten Kunstwerke. Die enge Verwebung von Zeitgeschichte, persönlichen Schicksalen der betroffenen Personen und die Herkunftsgeschichte der Kunstwerke werden in der Ausstellung sichtbar und für jeden Besucher nachvollziehbar gemacht. Das Fotografieren der Objekte ist ausdrücklich erwünscht. Die Auseinandersetzung mit den aufgeworfenen Themen soll auch außerhalb der Ausstellung weitergehen. Denn auch heute, 70 Jahre nach Kriegsende, soll Raubgut an die ursprünglichen Besitzer und ihre Erben zurückgegeben und nach fairen und gerechten Lösungen gesucht werden. Die Herkunft für den größten Teil der in Bonn zu sehenden Werke ist jedoch bis jetzt nicht nachvollziehbar. Was mit diesen Werken geschehen wird, bleibt offen.     

 

Bundeskunsthalle
Friedrich-Ebert-Str. 4, Bonn.
Öffnungszeiten: Dienstag, Mittwoch 10.00 bis 21.00 UHr, Donnerstag bis Sonntag 10.00 bis 19.00 Uhr.
Bis 11. März 2018.

Die Bonner Ausstellung „Bestandsaufnahme Gurlitt. Der NS-Kunstraub und die Folgen” wird vom 13. April bis 1. Juli 2018 im Kunstmuseum Bern zu sehen sein.

Kunstmuseum Bern
Hodlerstr. 12, Bern.
Öffnungszeiten: Dienstag 10.00 bis 21.00 Uhr, Mittwoch bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr.

Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen: Hirmer Verlag, München 2017, 344 S., 29,90 Euro | ca. 37.50 Franken.

 

 




Kunstmuseum Bern
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