12/01/18

Exemplarisch für die Fotografie

Die Essener Balthasar Burkhard-Retrospektive ist im Anschluss in Winterthur zu sehen

von Bettina Maria Brosowsky

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Balthasar Burkhard / Markus Raetz, Das Bett, 1969-1970, © Estate Balthasar Burkhard / VG Bild-Kunst, 2017
In der langen Ausstellungsliste des großen Schweizer Fotografen Balthasar Burkhard (1944 - 2010), diesem Meister einer konzentrierten, teils zu gigantischen Formaten greifenden, schwarz-weißen Fotografie, findet sich keine einzige Personale in Deutschland. Diese hat nun Florian Ebner, mittlerweile am Centre Pompidou tätig, noch während seiner Leitung der fotografischen Sammlung am Museum Folkwang in Essen initiiert und kuratiert. Noch bis 14. Januar dort zu sehen, geht sie danach an die Partnerinstitutionen in der Schweiz, wird so auch Direktor Tobia Bezzola, der zum Jahres­ende Essen verließ, nach Lugano folgen.

Ebner sieht in Balthasar Burkhard exemplarisch die Geschichte der Emanzipation eines Fotografen. Er will die Retrospektive von der Befreiung der Fotografie aus der Rolle der „demütigen Dienerin“, so Charles Baudelaire, erzählen lassen, vom ihrem Aufstieg zur selbstbewussten Kunst, ihrem triumphalen Einzug in Museen, Sammlungen, relevante Schauen. Man mag dieses Pathos nicht teilen – und es spiegelt sich glücklicherweise auch nicht in der Ausstellung wider. Denn der Materialfülle von weit über 100 Werken und Werkgruppen gelingt es, ganz im Gegenteil, den zahllosen Verästelungen und Experimenten in einer persönlichen, dezidiert fotografischen Haltung nachzuspüren, die wohl stets weder rein dokumentarisch noch vorsätzlich künstlerisch sein wollte.

Mit acht Jahren bekam Balthasar Burkhard von seinem Vater eine Kamera zum Schulausflug mitgegeben, unter dem Hinweis, aufzupassen, dass nicht Telegrafenmasten oder Drähte die Bilder stören. Ganz intuitiv faszinierten ihn aber dann gerade diese Objekte in der Landschaft, denn sie teilten den Raum, sorgten für ungewohnte Perspektiven, wie er es später einmal beschrieb. Es folgte, wieder auf Rat des Vaters, eine Fotografenlehre bei Kurt Blum im heimischen Bern. Blum war bekannt für seine Künstlerporträts und großen Formate. Beides beschäftigte fortan auch Burkhard, Mitte der 1960er Jahre wurde er zum Chronisten der Berner Bohème rund um Harald Szeemann. Museumsleiter, Kurator und Ausstellungsmacher, polarisierte dieser mit seinen institutionskritischen Themenschauen wie „Live in Your Head. When Attitudes become Form“, 1969 in der Kunsthalle Bern. Burkhard fertigte mit zwei Kollegen ein Exponat, es wurde zum Ausstellungsplakat: eine grün fluoreszierende Leuchtstoffröhre, schräg über das sepiabraune Foto einer Ackerscholle gelegt. Gleichzeitig versuchte er sich mit dem Künstler Markus Raetz am fotografischen Großformat. Beider Ambition, im Format des Abzugs in etwa die Originalgröße der aufgenommenen architektonischen Situation wiederzugeben, setzten sie auf Leinwänden um, präpariert mit lichtempfindlicher Emulsion. Sie antizipierten so das monumentale fotorealistische Tafelbild, das ab den 1970er Jahren ins Museum einzog. Allerdings mit konzeptionellem Unterschied: Burkhard und Raetz wählten die formale Reduktion, verzichteten auf Farbe und hängten ihre Leinwände wie lockere Tücher an die Wand.

1972 begleitete Burkhard dann Szeemanns „documenta 5“ in Kassel, dokumentierte ihre neuen, flüchtigen Kunstformen wie die Performance. Studienaufenthalte und Lehrtätigkeiten in den USA folgten sowie die sich weiter präzisierende raumbezogene Fotografie. Der menschliche Körper etwa wurde zur monumentalen Fotoskulptur: Wie riesige Dünenformationen ergriffen 1983 liegende weibliche Akte komplette Wände der Kunsthalle Basel.

Neben historischen Techniken, so der farbigen Heliogravüre, physiognomischen Studien zu Pflanze, Mensch und Tier, galt Burkhards Passion der 1990er Jahre Luftbildern in klarer Sprache: Megastädte wie Mexico City, Los Angeles, Tokio oder Paris aber auch Berge und die Wüsten Namibias wurden Archetypen natürlicher wie menschengemachter Landschaften, sprengten als Diptychon oder Triptychon alle Größenvorstellungen. Über die eigene Arbeit indes verlor Balthasar Burkhard nie große Worte. „Ich zeige das, was sonst niemand sieht“, sagte er einmal. Aber auch, dass die Fotografie fordere, stets wechselnde Distanzen zu beziehen: „Am Schluss ist man immer allein“.        

 

Balthasar Burkhard
Museum Folkwang
Museumsplatz 1, Essen.
Öffnungszeiten: Dienstag, Mittwoch, Samstag und Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag und Freitag 10.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 14. Januar 2018.

Fotomuseum Winterthur/Fotostiftung Schweiz
Grüzenstr. 44+45, Winterthur.
Öffnungszeiten: Dienstag 11.00 bis 18.00 Uhr, Mittwoch 11.00 bis 20.00 Uhr, Donnerstag bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr.
10. Februar bis 21. Mai 2018.


Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen: Steidl Verlag, Göttingen 2017, 296 S., 28 Euro | ca. 36.90 Franken.

 


 




Fotomuseum Winterthur
Fotostiftung
Museum Folkwang