05/01/18

Jenseits von Zeit und Raum

Die Zürich Art Prize-Kunstpreisträgerin Marguerite Humeau erfindet die Vergangenheit mit neuesten Technologien

von Annette Hoffmann

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Marguerite Humeau, Monument for Humankind, 2017, Ausstellungsansicht Museum Haus Konstruktiv, 2017, Foto: Stefan Altenburger, Courtesy the artist & CLEARING, Brussels / New York
Sie sei, so bekannte Marguerite Humeau (*1986) während eines Vortrages, vermutlich der größte Fan von David Cronenberg überhaupt. Der Horror beginnt, wenn die Grenzen des Körpers nicht fest definiert sind, und er nimmt umso mehr zu, wenn auch die zeitliche Dimension sich verflüssigt. Die in London lebende Französin greift älteste Bildfindungen wie die Sphinx auf, die in Zürich zudem mit dem Ulmer Löwenmenschen amalgiert ist, und übersetzt sie in aktuellste Technologien. Während ihre Projektenwürfe, die sie den Kuratoren schickt, mit denen sie zusammenarbeitet, noch wie comichafte Zeichnungen aussehen, sind die späteren groß dimensionierten Skulpturen Ergebnisse von 3D-Computerprogrammen und den entsprechenden Produktionsverfahren. Vielleicht sind diese Zeichnungen sogar Mappings, so wie sie ihr gesamtes Werk frei von den Hierarchien Zeit und Raum auf Blättern entwirft, auf denen alles miteinander in Verbindung steht. Hu­meaus Projekten gehen umfangreiche Recherchen voraus, die sie zu Technikern, Ingenieuren und Wissenschaftler aller Art führt. Ihr Zürcher Projekt anlässlich der Verleihung des Zurich Art Prize 2017 an sie gehört zum Großentwurf der „Riddles“.

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Marguerite Humeau, Sphinx Otto Has Absorbed Humankind, 2017, Museum Haus Konstruktiv, Foto: Peter Baracchi
Wer den ersten der beiden Ausstellungsräume im Haus Konstruktiv betritt, hört, bevor er in der Lage ist, dieses seltsame antike Mischwesen zu sehen, ein Geräusch, das ein bisschen wie ein Fauchen klingt, aber auch als ziehe hier jemand etwas ein und ganz bestimmt nicht nur Luft. Das Wesen, das man bis dahin umrundet hat, sieht aus wie ein Körperfragment gewordener Schrei. Humeaus Skulpturen mögen von der Antike inspiriert sein, in ihrer Überspanntheit sind sie jedoch nicht weit entfernt von mittelalterlichen Fantasiewesen und Videospielen. In einer weiteren spitzfindigen Volte verbindet Humeau das ambivalente Wesen „Sphinx Otto Has Absorbed Humankind“ mit dem Überwachungsstaat, der uns einerseits schützt und andererseits bedroht. Die zweite Installation „Monument for Mankind“ führt diesen Erzählstrang weiter, ist doch der Stoff mit dem eine Art dreiflügeliger Altar und die Sitzkissen am Boden mit einem Tarnmuster überzogen, das das US-Militär entworfen hat, um die Kameras von Drohnen auszutricksen. Den Sound, den man in diesem Raum hört, soll von jenen 108 Milliarden Stimmen kommen, die einmal die Welt mit ihrem Klang erfüllt haben. Es klingt, wie ein sehr bizarrer Chor.    


Marguerite Humeau, Zurich Art Prize
Haus konstruktiv
Selnaustr. 25, Zürich.
Öffnungszeiten: Dienstag, Donnerstag bis Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr, Freitag 10.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 14. Januar 2018.

 




Haus Konstruktiv