22/12/17

Lesen gefährdet

Die Kunsthalle Tübingen widmet Korpys/Löffler eine Überblicksschau

von Carmela Thiele

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Korpys / Löffler, Verwisch die Spuren, 2016 (r.), Videostill, Courtesy the artists
„Bücherregal vom Schreibtisch bis zur Decke“, diese Beschreibung könnte auf viele Wohnzimmer in Tübingen zutreffen. Doch geht es um eine konspirative Wohnung, die das Landeskriminalamt (LKA) 1985 untersucht hat. Nicht nur Fingerabdrücke von RAF-Terroristen wurden gesichert, sondern auch die Lektüre der Bewohner registriert, und wer wissen will, was die dritte Generation der Rote-Armee-Fraktion so gelesen hat, kann jetzt in der Kunsthalle Tübingen ganz nah herantreten an eine Zeichnung, die eins zu eins zwei Regalbretter aus der Einliegerwohnung des Reihenhauses Friedrich-Zundel-Straße 2 rekonstruiert.

In ihrer ersten größeren Einzelausstellung seit fast zehn Jahren zeigt das Bremer Künstlerduo Korpys/Löffler (Andree Korpys *1966, Markus Löffler *1963) einen Querschnitt ihres Werks, in der Mehrzahl neue Video-Installationen, wie etwa „Verwisch die Spuren“, eine Text-Film-Sound-Collage zu den Protesten vor der Europäischen Zentralbank in Frankfurt 2015.

Die Werktitel sind meist Zitate, genauso wie auch der Titel der Ausstellung „Personen, Institutionen, Objekte, Sachen“. Kriminalbeamte und Juristen erkennen, was gemeint ist: die Datenbank PIOS, die der damalige Präsident des Bundeskriminalamts Horst Herold zur Bekämpfung der RAF aufbaute. Das Ziel der Rasterfahndung war, möglichst viele Details zu sammeln, um per Ausschlussverfahren verdächtige Personen zu ermitteln. PIOS ist auch der Titel einer neuen Video-Installation von Korpys/Löffler. Nicht ohne Humor wandten die Künstler die Methoden der Rasterfahndung an, um dem Neubau des Bundesnachrichtendiensts in Berlin zu observieren. Sie umkreisten den gigantischen Gebäudekomplex mit Kamera und Mikrofon, suchten in den geräumten Wohnungen im Umfeld nach Indizien.

Man könnte meinen, die Künstler würden mit ihrer investigativen Arbeit politisch Position beziehen, doch gilt ihr Augenmerk den Inszenierungen der Macht und ihren Bruchstellen. Dem TV-Rauschen setzen sie verlangsamte Bilder entgegen, etwa in „Nuclear Football“ von 2004. Zu sehen sind Randfiguren und Nebensächliches eines Staatsakts, das Rollfeld, der Moment bevor Präsident Bush mit Bundespräsident Rau 2002 in Berlin die Ehrengarde abschreitet, die wartende Security, die Reporter.

Nicht nur in ihren Filmbildern folgen Korpys/Löffler einer eigenen Ästhetik, auch der von Markus Löffler kreierte Filmsound ist integraler Bestandteil ihrer Befragung des scheinbar Authentischen. Für „Nuclear Football“ verwendeten sie Airport Ambient Sounds von Brian Eno, für ihren Film-Essay zum Areal um das New Yorker World Trade Center „Reflecting Absence“ eine Komposition von Helmut Lachenmann und für „Gesang der Jünglinge“ das gleichnamige Stück von Karlheinz Stockhausen.

Die von Sabine Maria Schmidt kuratierte Ausstellung dockt mit ihrer Werkauswahl regional an den Ausstellungsort an, mit den Arbeiten zur konspirativen Wohnung in Tübingen, aber auch dem Werkkomplex „Sandhaufen“, der sich auf das missglückte Attentat der RAF auf die Bundesanwaltschaft 1977 in Karlsruhe bezieht.   

 

Korpys/LKöffler, Personen, Institutionen, Sachen
Kunsthalle Tübingen
Philosophenweg 76, Tübingen.
Öffnungszeiten: Dienstag 11.00 bis 19.00 Uhr, Mittwoch bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 18. Februar 2018.

Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen: Wasmuth Verlag, Tübingen 2017, 136 S., 25 (in der Ausstelllung 18) Euro | 41.90 Franken.

 






Kunsthalle Tübingen