19/12/17

Zwischen Genauigkeit und Wahrheit

Der 1992 verstorbene amerikanische Maler Patrick Angus wird derzeit im Kunstmuseum Stuttgart wieder entdeckt

von Birgit Wiesenhütter

patrickangusdarien.jpgPatrick Angus, Reclining Nude Darien, 1989, Sammlung Martine Ehlinger, Luxemburg, © Douglas Blair Turnbaugh
Erst posthum zu Ruhm zu gelangen ist in der Kunstwelt zwar nichts Neues, kommt aber auch  nicht oft vor. Der amerikanische Maler Patrick Angus, der 1992 mit 38 Jahren an Aids starb, könnte nun ein aktuelles Beispiel werden.

Das Verdienst seiner Entdeckung kommt der Galerie Fuchs in Stuttgart zu, die durch den Film „An Englishman in New York“ auf den Maler aufmerksam wurde. In dem 2009 entstandenen Film über Quentin Crisp, eine Identifikationsfigur Homosexueller der 1970er und 80er Jahre, spielt nicht nur dessen Freundschaft mit Patrick Angus eine Rolle, es sind auch viele von Angus' Bildern zu sehen. Bilder, deren Leuchtkraft ins Auge springt, die männliche Nacktheit und Sex zwischen Männern explizit zeigen und eine ungeschönte Bestandsaufnahme der New Yorker Schwulenszene der 1980er Jahre darstellen.

Zu Lebzeiten erhielt Patrick Angus kaum öffentliche Anerkennung. Die Galerie- und Kunstszene der 1980er Jahre interessierte sich nicht für den jungen Künstler aus North-Hollywood, der sein Glück erst in Los Angeles und dann in New York suchte. Seine Themen waren – ganz klassisch – Landschaft, Portrait und Interieur, die er in realistischer Malweise und somit in guter amerikanischer Tradition ausführte. Erst Ende der 1970er Jahre kommt auch seine eigene schwule Lebenswirklichkeit in Bars, Sex-Clubs, Striptease-Theatern, Pornokinos und öffentlichen Badehäusern ins Bild. Auslöser dafür dürfte seine Auseinandersetzung mit Arbeiten David Hockneys gewesen sein, der Männerliebe bereits in den 1960er Jahren zum Bildinhalt gemacht hatte und den Angus zeitlebens bewunderte.

Seine Gemälde und Zeichnungen zu diesem Thema zeigen unverhohlen den auf Sex reduzierten Umgang und das verstohlene und doch offensichtliche Kontaktaufnehmen in diesen Etablissements. Stripper auf der Bühne, nackte Männerkörper unter der Dusche – das Schauen aus dem Verborgenen wird Thema wie auch das Zeigen expliziter Sex-Praktiken. Schwule Phantasien und pralle Körperlichkeit werden hier jedoch nicht propagiert. Den dargestellten Szenarien haftet vielmehr eine gewisse Traurigkeit an. Hier geht es nicht um Liebe. Hier geht es ums rein Körperliche.

Wie einfühlsam und intim wirken dagegen Angus' Portraits. Hier zeigt sich dann doch die Sehnsucht nach Zuneigung und Zärtlichkeit, die aber unerreichbar scheint. Seine Bilder weisen Angus als versierten Maler aus, der sein Handwerk beherrscht in Bildaufbau und Komposition, aber auch im expressiven Kolorit. Seine realistischen Darstellungen sind ungeschönt und ehrlich. Sein Stil schwankt in den Zeichnungen wie in den Gemälden. Manche sind regelrecht naturalistisch. In anderen ist deutlich, dass es nicht um Genauigkeit geht – ob in der räumlichen Darstellung oder dem Kolorit. Die Aussage Matisses „Genauigkeit ist noch lange nicht Wahrheit“ steht wie eine Überschrift über Angus' Arbeiten. Ihm ging es um die Wahrheit.

Erst in seinen letzten Lebensjahren wurde man auf Patrick Angus aufmerksam – nicht zuletzt durch seinen Förderer Quentin Crisp. Sechs seiner Arbeiten wurden von dem von ihm so bewunderten britischen Maler David Hockney gekauft und damit geadelt.

 patrickangusroom.jpgPatrick Angus, Room, 1985, Privatsammlung Stuttgart, © Douglas Blair Turnbaugh
Nun widmet das Kunstmuseum Stuttgart dem Maler eine große Retrospektive mit dem Titel „Private Show“, was sich auf Angus' Pastellzeichnung „Would you like a private show?“ bezieht – die Frage der Stripper an die potentiellen Freier nach der Bühnen-Show. „Private Show“ präsentiert uns Patrick Angus in all seinen Stärken und Schwächen, zeigt seinen Mut aber auch seine Unentschiedenheit und absolut starke Bilder neben eher belanglosen. Im Kunstmuseum Stuttgart, das mit Otto Dix einen anderen „Wahrheitsmaler“ beheimatet, ist Patrick Angus jedenfalls mit dieser sehenswerten, nicht ganz jugendfreien Werkschau gut aufgehoben            

 

Patrick Angus: Private Show
Kunstmuseum Stuttgart
Kleiner Schlossplatz 1, Stuttgart.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr, Mittwoch, Freitag 10.00 bis 21.00 Uhr.
Bis 8. April 2018.

Patrick Angus: Private Show, Hatje Cantz, Ostfildern 2017, 156 S., 45 Euro | 52.90 Franken.

 

 


 




Kunstmuseum Stuttgart