29/11/11

Der nach außen gekrempelte Körper

Berlinde De Bruyckeres atemberaubender Dialog mit Lucas Cranach und Pier Paolo Pasolini im Kunstmuseum Bern.

von Dietrich Roeschmann
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Berlinde De Bruyckeres atemberaubender Dialog mit Lucas Cranach und Pier Paolo Pasolini im Kunstmuseum Bern.Berlinde De Bruyckere

Das Obergeschoss des Kunstmuseums gleicht einem Horrorkabinett. Aus fahlem Dämmerlicht schälen sich die Silhouetten deformierter Körper heraus. Sie liegen auf Tischen und in Vitrinen verteilt wie tote Rümpfe zur pathologischen Begutachtung: ein aufgerissener Hirschkadaver, das zerbrochene Geweih wie ein Bündel Stöcke in den abgeschnittenen Hals gerammt. Daneben liegen bleiche Menschentorsi ohne Köpfe, bis zur Unkenntlichkeit ineinander verschlungen. Wo man Extremitäten vermuten würde, faltet sich die Oberfläche zu fleischigen Lappen oder bildet knotige Geschwüre. An anderen Stellen klaffen tiefe Wunden, die den Blick benommen ins Dunkel hohler Körper taumeln lassen, unentschieden zwischen Ekel, Andacht, Schock und Mitleid.

Berlinde De Bruyckere, 1964 als Tochter eines Metzgers in Gent geboren, arbeitet gerne mit suggestiven Bildern. Im Kunstmuseum Bern sind derzeit ihre jüng­sten Werkgruppen und eine Auswahl an Zeichnungen der letzten Jahre zu sehen. Aus unterschiedlichen Blickwinkeln umkreisen sie das, was De Bruyckere den „mentalen Körper“ oder schlicht „das Inwendige“ nennt: jenes Geflecht aus Ängsten, Leidenschaften und Sehnsüchten, das uns wie eine zweite Haut auskleidet, nach außen aber nur in unseren Gesten sichtbar wird. Der Schock, den De Bruyckeres Wachsskulpturen auslösen, hat seinen Ursprung in der Verkehrung dieser Perspektive. Nach lebenden Modellen geformt und anschließend von Verstümmelungen, mit Farbpigmenten aufgetragenen rosigen Wundmalen und blauen Flecken entstellt, wirken sie wie auf links gewendete Körperhüllen. Ihre Lebensechtheit ist so bestürzend wie die Tatsache, dass ihnen grundsätzlich die Köpfe fehlen. Für De Bruyckere ist das eine Frage der Zuspitzung: „Man braucht die Gesichter nicht, um die Skulpturen zu verstehen“.

Seit gut zwei Jahrzehnten erkundet die 47-jährige Belgierin mit ihrer Kunst die Möglichkeiten einer zeitgenössischen Darstellung des menschlichen Körpers als Schauplatz existenzieller Erfahrungen von Schmerz, Liebe und Tod. Der Vanitas-Pop eines Damien Hirst mit seinen Diamant-Schädeln ist ihr dabei ebenso fremd wie Francis Bacons dramatischer Zombie-Realismus. De Bruyckere findet ihre Inspiration stattdessen bei den Malern der Renaissance. Vor allem Lucas Cranach d.Ä. hat es ihr angetan mit seinen Christus-Ikonen, aus denen einen der Ausdruck menschlichen Leidens noch heute in fast physischer Unmittelbarkeit anspringt. Eine bislang kaum bekannte Version dieses „Schmerzensmannes“ von 1515/1535 ist derzeit auch in Bern zu sehen. Das Gemälde zeigt Jesus mit Dornenkrone und Geißel. Seine Haut wirkt wie eine einzige Wunde. Die gleichnamige Skulptur, die De Bruyckere nach diesem Bild Cranachs geschaffen hat, wendet das christliche Leidensmotiv souverän ins Weltliche: Auf einer meterhohen Säule aus rostigem Stahl hängt wie gepfählt ein unförmiger Leib ohne Kopf und Arme. Bürgerkriege produzieren solche Bilder. In grausiger Drastik erzählt dieser Torso nicht nur von der Verletzbarkeit des menschlichen Körpers und seiner Würde, sondern auch von der blinden Begierde, die sich in jedem gewaltsamen Exzess Bahn bricht.

Dass Berlinde De Bruyckere ihre jüngsten Arbeiten dem 1975 ermordeten Regisseur Pier Paolo Pasolini gewidmet hat (und mit „Il Vangelo“ und „Teorema“ auch gleich zwei seiner besten Filme in ihre Schau integriert), erscheint da nur konsequent. Die radikalen Überblendungen von Lust und Schmerz, die das Œuvre dieses Rebellen prägten, finden in den bizarr miteinander verkeilten Menschentorsi ihrer Serie „Into One-Another“ ein zwingendes skulpturales Pendant. In der Zusammenschau mit ihren brachialen, fast skizzenhaften Zeichnungen in Fleischfarben sorgen diese Skulpturengruppen auch Tage später noch für atemberaubende Flashbacks.

Mysterium Leib. Into One-Another: Berlinde De Bruyckere.
Kunstmuseum Bern

Hodlerstr. 12, Bern.

Öffnungszeiten: Dienstag 10.00 bis 21.00 Uhr, Mittwoch bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr.
Bis 12. Februar 2012.

Katalog bei Hirmer, München 2011, 236 S., 29,90 Euro | 28 Franken.
Kunstmuseum Bern