06/12/17

Visuelle Pathosformeln

Die Ausstellung „Social Synthetic“ im Münchner Museum Brandhorst gibt einen Überblick über das Werk des US-Amerikaners Seth Price

von Roberta De Righi

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Seth Price, COPYRIGHT 2006 SETH PRICE, 2006, Videostill, Courtesy the artist & Reena Spaulings Fine Art, New York
Was wäre die westliche Kunst ohne die weibliche Brust: Vom Busenwunder der Venus von Willendorf zu den Multi-Brüsten der Artemis von Ephesos. Von Tintorettos „Entstehung der Milchstraße“ zu Jeff Koons‘ Cicciolina. Und auch außerhalb von Museen kann man die Bedeutung der Brust als elementar bezeichnen. Das hat auch Seth Price (*1973) erkannt: Er nennt sie eine „basic form“. Darum zeigt der New Yorker Künstler jetzt ein paar mehr davon im Münchner Museum Brandhorst. Sie stehen am Anfang der Schau „Social Synthetic“, die von Achim Hochdörfer, Tonio Kröner und Beatrix Ruf kuratiert wurde. Diese erste internationale Überblicksausstellung mit rund hundert Werken ist eine Übernahme aus dem Amsterdamer Stedelijk Museum, deren Direktorin Beatrix Ruf gerade wegen zu enger Verquickung mit dem Kunstmarkt ihren Hut nehmen musste.

Seth Price ist ein eloquent auftretender und reflektiert wirkender Künstler, der als Filmemacher begann und 2002 den Foto-Essay „Dispersion“ verfasste, welcher heute als „Manifest der Post-Internet-Art“ gilt. Tenor: Die Art der Verbreitung von Kunst solle sich in der Darstellung widerspiegeln. Doch weil das Theorie-Getöse im Brandhorst-Museum wie immer recht laut ist, wirft gerade „Social Synthetic“ den Betrachter erst einmal zurück auf die uralte Frage: Was sieht man? Die „Vacuum Forms“ sind isolierte Körperteile, darin tritt ein halber Busen als Positivform aus einer ansonsten völlig planen Fläche aus Polystyrol hervor. Man fragt sich, wo der Körper dazu ist, oder wenigsten die zweite Brust. Daneben weiter Wandobjekte, aus denen jeweils eine einzelne – männliche – Faust ragt. Ein Stillleben der Aggression? „Ein Leitmotiv in Prices Œuvre ist die Bedrohung des Subjekts durch die heutigen ökonomischen und technologischen Ausbeutungsmechanismen“, erklärt das Begleitheft.

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Seth Price, Untitled, 2016, Courtesy Galidium Synthetic Futures Fund, Frankfurt, Foto: Ron Amstutz, alle © Seth Price
Die „Mylar Sculptures“ (2005-2008) greifen „Schockbilder aus Videos dschihadistisch motivierter Exekutionen“ auf. Seth Price vergrößerte, verpixelte und druckte sie auf Folie, die in mehrfacher Faltung vor der Wand hängt, so dass das Motiv unkenntlich wurde. Man sieht also eigentlich nichts. Man könne diese Bilder nicht einfach abbilden, findet er, will sie aber unbedingt in eine Tradition einordnen, Bibel, Französische Revolution und so. Die Kuratoren setzen daneben seine „Adresses“, Caravaggios „David mit dem Haupt des Goliath“ in Abbildungen von Internet-Seiten als „kunsthistorisches Gegenstück“. Ein plakativer, wenig erhellender Vergleich – ging es bei Caravaggio doch um etwas völlig anderes. Seth Prices berechtigte Skrupel führen zur grundsätzlichen Frage: Soll man die brutalen Propaganda-Aufnahmen überhaupt ins Museum holen, wie es seit deren Auftauchen im Netz so viele Künstler getan haben? Je mehr man gesehen hat, desto stärker denkt man: Unbedingt nicht. Es mag in Uni-Seminaren über visuelle Pathosformeln sinnvoll sein, aber nicht als Gegenstand einer Ausstellung. Die Gräueltaten, die sie zeigen, sind zu real. Verletzt es nicht die Würde der Opfer, zum Bildmotiv degradiert zu werden?

Wofür Price sich außerdem noch interessiert: Bomberjacke, Jumpsuit und Trenchcoat waren Subkultur-Accessoires, wurden zu Klassikern in der Modewelt, aber stammen ursprünglich aus dem militärischen Kontext. Die „Vintage Bombers“, Abgüsse zerknitterter Bomberjacken, verlagern „den Fokus vom Körper auf seine Hülle“, erklären die Kuratoren. Und auch die „Silhouettes“ (2007-2009), die Umrisse einer Kuss-Szene oder von typischen Party-Gesten als negativen Ausschnitt zeigen, verweisen einprägsam auf das „abwesende Subjekt“. Das Individuum kehrt dann zurück im großen Saal des Untergeschosses: In gewaltigen hochrechteckigen Leuchtkästen, die in nie da gewesener Schärfe Hautfragmente und ihre Pigmentierung zeigen. Sie wurden – welch unfassbarer technischer Aufwand! –  mit der Roboterkamera Punkt für Punkt aufgenommen. Genie oder Größenwahn? Eher letzteres. Aber die künstlerische Überwältigungsstrategie geht vermutlich auf. Der Markt wird sie verschlingen.     

 

Seth Price: Social Synthetic.
Museum Brandhorst
Türkenstr. 19, München.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 10.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 8. April 2018.

Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen: Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln 2017, 356 S., 64 Euro | ca 79.90 Franken

 

 

 




Museum Brandhorst