05/12/17

Art is a Criminal Action

Das ZKM Karlsruhe widmet den Pionierinnen der feministischen Avantgarde eine sehenswerte Überblicksschau

von Chris Gerbing

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Katalin Ladik, POEMIM (Series A), Novi Sad, 1978, © Katalin Ladik / acb Gallery, Budapest, Foto: Imre Poth, Courtesy and © SAMMLUNG VERBUND, Wien
Sie machten Performances, führten künstlerische Aktionen durch, verwendeten den Fotoapparat und das neue Medium Video und setzten für ihre Kunstwerke ihren eigenen Körper ein, um auf die himmelschreienden Ungerechtigkeiten zwischen Mann und Frau hinzuweisen, von denen die Gesellschaft in den 1970er Jahren noch mehr geprägt war als heute. Sie waren damals unerhört modern, zeigten bis dahin nie Dagewesenes in einer schamlosen Offenheit und waren damit Vorhut des Experiments mit neuen künstlerischen Aussagemöglichkeiten und Medien – kurzum: sie waren Avantgarde. Da es sich aber um Frauen handelt, und der Kunstbetrieb in den 1970ern noch männlicher geprägt war als heute, wurden sie als Feministinnen abgetan, als Emanzen beschimpft, man stellte sie nicht aus, ihre Kunstwerke verschwanden oft für 40 Jahre.

Die Sammlung Verbund, aus deren Bestand die Ausstellung im ZKM stammt, hat gleich mehrere Sensationen auf Lager. Dabei ist vielleicht am Verwunderlichsten, dass sich eine Unternehmenssammlung dem Thema der Feministischen Avantgarde angenommen hat: Die Verbund AG ist Österreichs größter Energieversorger. Gabriele Schor, Gründungsdirektorin der seit 13 Jahren bestehenden Sammlung, wies auf den glücklichen Umstand hin, dass der Konzern sich auf die Stromproduktion konzentrierte und man sie mit der Kunst betraute. Dabei hatte sie gänzlich freie Hand und konnte auf Basis ihrer Recherchen eine erstaunliche Wanderausstellung zusammenstellen, die jetzt mit dem Titel „Feministische Avantgarde der 1970er Jahre“ durch Europa tourt. In vier große Bereiche ist die Schau gegliedert, die den Einsatz des eigenen Körpers zum Paradigma machen: Es geht um die Rolle als Mutter, Hausfrau und Ehefrau und die Frage, ob diese Rollenzuschreibung mit dem Künstlerdasein vereinbar ist. Es geht um die Normativität der Schönheit, die ironisch gebrochen, humorvoll, aber auch brutal und direkt hinterfragt wird. Ausgehend davon geht es um das Alter Ego der Künstlerinnen, um Maskerade und um Rollenspiele, um aus den gesellschaftlich determinierten Rollen auszubrechen. Und zuletzt geht es um die weibliche Sexualität – wobei in allen vier Bereichen offenbar wird, dass künstlerische Strategien zur selben Zeit unabhängig voneinander entwickelt wurden und dass es mitnichten nur einige wenige Frauen waren, die mit ihren Kunstwerken und Aktionen Irritation, Protest oder Ablehnung provozierten. Vielmehr waren diese die Speerspitze der Feministischen Avantgarde, die sich mit öffentlichkeitswirksamen Aktionen Gehör verschaffte. In einer solchen Schau darf deshalb das „Tapp- und Tastkino“ von Valie Export ebenso wenig fehlen wie Martha Roslers „Semiotics of the Kitchen“.

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Ulrike Rosenbach / VG Bild-Kunst, Bonn, 2016
Es sind aber gerade die nicht so bekannten Künstlerinnen bzw. jene, die Karriere machten und eher nicht mit dem Feminismus in Verbindung gebracht werden, die die bekannten Künstlerinnen kontextualisieren. Sie verdeutlichen, dass es nicht „den“ Feminismus in der Kunst gibt, sondern zahlreiche Spielarten. 50 Künstlerinnen und über 400 Kunstwerke bezeugen die Intensität, mit der damals für die Gleichberechtigung von Mann und Frau gestritten wurde. Die Fotografien einer Aktion, bei der sich Annegret Soltau ihr Gesicht mit Faden umwickelte, wodurch sie nicht mehr sehen und sprechen konnte, um ihn zuletzt zu zerschneiden, zeugen von quälenden Einschränkungen, wie auch von der Gefahr, die mit dem Zerschneiden von Fesseln einhergehen kann. Auch Ulrike Rosenbach bringt sich gegen den Mann in Stellung, indem sie Andy Warhols Elvis-Grafik zitiert und damit den Mythos männlicher Überlegenheit entlarvt. „Art is a Criminal Action“ ist die Arbeit betitelt. Mit Witz, Humor, Ironie, teils aber auch mit plakativen, sowohl für die Künstlerin selbst, als auch für den Betrachter schmerzhaften Aktionen zeigen die Arbeiten die vielfältigen Aspekte auf, die hinderlich und verhindernd für ein selbstbestimmtes Frausein sind. Die Themenausstellung ist trotz der Kunstwerke aus den 1970er Jahren brandaktuell und als Appell zu verstehen, denn Annegret Soltau merkt an: „Was wir uns damals erstritten haben, ist derzeit in Gefahr“.     

Feministische Avantgarde der 1970er Jahre.
ZKM
Lorenzstr. 19, Karlsruhe.
Öffnungszeiten: Mittwoch bis Freitag 10.00 bis 18.00 Uhr, Samstag 14.00 bis 18.00 Uhr, Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 8. April 2018.




ZKM