04/12/17

"Die Wahrheit liegt in der Mitte"

Provenienzforscherin Nikola Doll über den "Kunstfund Gurlitt", der jetzt in Bern zu sehen ist

von Annette Hoffmann
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Bestandsaufnahme Gurlitt, Ausstellungsansicht Kunstmuseum Bern
Artline:
Frau Doll, Sie leiten die Provenienzforschung am Kunstmuseum Bern. Wieso braucht das Museum eine solche Stelle, wenn es nur Werke aus der Sammlung Gurlitt annimmt, die eindeutig keine Raubkunst sind?

Nikola Doll: Das Museum hat sich mit Annahme des Erbes von Cornelius Gurlitt dazu entschieden, sich in der Schweiz für die Provenienzforschung stark zu machen. Die Abteilung Provenienzforschung besteht aus drei Mitarbeitern, davon sind zwei Stellen durch das Bundesamt für Kultur finanziert. Wir erforschen die Provenienz von Werken der hauseigenen Sammlung und erschließen das Museumsarchiv, das ab dem nächsten Jahr für die internationale Forschung zugänglich sein soll.

Auch wenn die Forschung an den Werken der Sammlung Gurlitt derzeit von den deutschen Kollegen betrieben wird, ist der Bestandteil, welcher der sogenannten entarteten Kunst zugerechnet wird, noch nicht bearbeitet. Sehr früh hat das Kunstmuseum Bern in Absprache mit der Bundesrepublik und dem Freistaat Bayern zugesagt, sich an dieser Forschung zu beteiligen. Das wird ab dem nächsten Jahr geschehen.

 

Artline: Sie sind Historikerin und Kunsthistorikerin. Wo setzen Sie an, wenn Sie über ein Werk zu forschen beginnen?

Doll: Der Ausgangspunkt ist immer das Werk. Es wird daraufhin untersucht, welche Spuren auf die Provenienz das Werk enthält. Das können Beschriftungen, Stempel und Aufkleber auf der Rückseite sein, bei Papierarbeiten finden sich oft Inventarnummern. Jeder Eingang in ein Museum wird mit einem Eintrag in ein Inventarbuch verzeichnet. Womöglich finden sich im Archiv Unterlagen zum Ankauf oder Hinweise auf vorherige Besitzer. Wir recherchieren erst einmal intern. Wenn sich weitere Fragestellungen ergeben, konsultieren wir die entsprechenden Archive und recherchieren dort weiter. Das können Künstlernachlässe sein oder Akten des Kunsthandels.

 

Artline: Wurden nicht viele Akten durch Kriegsschäden zerstört?

Doll: Es gibt natürlich auch Einwirkungen des Zweiten Weltkrieges. Deutsche Museumsarchive wurden zerstört und auch Teilbestände des Staatsarchivs. Doch die Überlieferungslage ist sehr gut.

 

Artline: Hat man nicht viel zu lange den materiellen Wert und die Geschichte von Werken gegenüber der Ästhetik vernachlässigt? Wie lässt sich das beim Ausstellen in Einklang bringen?

Doll: Das lässt sich gut in Einklang bringen. Indem wir uns bewusst werden, wie bestimmte Werte geschaffen werden. Es sind ganz unterschiedliche Gruppierungen und nicht allein Kunsthistoriker, die die Ästhetik und Geschichte eines Werks erforschen. Da sind Museen, die sammeln und ein Werk in einer bestimmten Ordnung zeigen. Der Kunsthandel, der mit bestimmten Werken handelt. Die Käufer, die bereit sind, eine bestimmte Summe zu zahlen und so einen bestimmten Wert bestätigen oder erhöhen. Die Kunstkritik, die befindet, über welches Werk zu schreiben ist. Historische Kontexte sind immer mit dem repräsentativen Kontext verknüpft. In der Kunstgeschichte wird vermehrt, nicht mehr allein kunsthistorische Fragen an das Werk gestellt. Die Blickwinkel, mit denen wir ein Werk betrachten, ändern sich. Ein Kunstwerk ist ein lebendiger Gegenstand.

 

Artline: Bislang wurden sechs Werke als Raubkunst identifiziert. War die Aufmerksamkeit, die der Fall in der Öffentlichkeit erregte, nicht viel zu hoch?

Doll: Man kann sagen, dass nach Bekanntwerden des Kunstfundes Gurlitt in der Presse die Zahlen sehr hoch gehandelt wurden. Dieser Eindruck hat sich in den letzten Jahren relativiert. Dennoch gibt es absolute Spitzenwerke im Kunstfund. Die Wahrheit liegt in der Mitte.

 

Bestandsaufnahme Gurlitt: "Entartete Kunst" - Beschlagnahmt und verkauft.
Kunstmuseum Bern
Hodlerstr. 8-12, Bern.
Öffnungszeiten: Dienstag 10.00 bis 21.00 Uhr, Mittwoch bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr.
Bis 4. März 2018.




Kunstmuseum Bern