02/12/17

Georg Gatsas

Der diesjährige Träger des Manor Kunstpreises St. Gallen spürt in seinen intimen fotografischen Serien dem Sound der Kollaboration nach

von Dietrich Roeschmann
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Georg Gatsas, Neo Bankside / Blue Fin Building, 2017, Foto © Georg Gatsas
Jwls schaut in die Kamera. Ihr Blick ist wach und unprätentiös. In ihren Augen liegt etwas beiläufig Belustigtes, so als wäre sie gerade angesprochen worden von einem guten Freund, auf dem Weg von der Tanzfläche zur Bar, um sich einen Drink zu holen, während im Hintergrund die gepitchte Stimme von Burial über die verstolperten Beats und Bässe von „Archangel” schwebt. Ein Porträt? Klar. Gleich hier, vor der blauen Wand? Warum nicht?

Der gute Freund, das ist in diesem Fall Georg Gatsas, 1978 in Grabs im St. Galler Rheintal geboren, in Rorschach am Bodensee aufgewachsen, bevor er dann nach Zürich, London, New York und Johannesburg ging, auf Recherche in einem Umfeld, das immer auch sein eigenes ist: die Musik-, Mode- und Clubszene. Gatsas ist bekannt für seine intimen, oft überraschend melancholischen Fotoserien aus den sozialen Netzen urbaner Subkulturen, vor allem aus der Londoner Dubstep-Szene um das Label Hyperdub. Das Porträt von Jwls entstand 2012, als die nigerianisch-stämmige DJane regelmäßig bei Rinse FM auflegte, einem wegweisenden Londoner Independent Radio, das in den frühen Neunzigern Jungle zum Durchbruch verhalf und mitverantwortlich war für den internationalen Erfolg von Grime und Dubstep.

Fünf Jahre zuvor hatte Gatsas seine erste große Soloschau im Swiss Institute in New York und wurde kurz darauf mit einem Swiss Art Award ausgezeichnet. Die Fotografien, die er dort 2007 zeigte, porträtierten junge lokale Kunstschaffende wie Brian DeGraw oder Lizzi Bougatsos, Musiker der Experimental Noise-Band Black Dice oder die HipHop-Gruppe Antipop Consortium. Schon damals interessierte ihn neben den individuellen Personen die Frage, wie sich die eigenwillige Dynamik von Kollaborationen abbilden ließe, wie die Gemeinschaft als Ort der Nähe, der Inspiration und Geborgenheit, auch als konkrete Utopie einer besseren Gesellschaft. Von Beginn an inszenierte er seine Nahsichten vorzugsweise bei Nacht und im Untergrund. Die Leute posierten bei Blitzlicht vor abgerockten Wänden anonymer Clubs, weder freundlich, noch unfreundlich, einfach nur für einen kurzen Moment da für die Kamera, bevor diese dann auf die Tanzfläche schwenkte. Dazu stellte Gatsas Schwarz-weiß-Aufnahmen von nächtlichen U-Bahn-Stationen, Straßenecken mit einsam leuchtenden Laternen, Überwachungskameras in Unterführungen oder Panoramablicken von verregneten Hochhausdächern auf die Skyline der Stadt. Irgendwann enterten seine Models dann auch den helllichten Tag. Herbstliche Flora oder üppig wuchernde Parklandschaften schoben sich als Kulisse in den Hintergrund, oder auch Betonelemente aus dem urbanen Raum, verwaiste Treppenhäuser und spiegelnde Rasterfassaden in gesichtlosen Bankenvierteln, die lediglich von Montag bis Freitag von acht bis acht bevölkert sind. „Parapolis”, nennt Mark Terkessidis diese entgrenzte, widersprüchliche, globalisierte Stadt im Vorwort zum Bildband „Signal The Future”, der jetzt zur Ausstellung anlässlich der Verleihung des Manor Kunstpreises St. Gallen an Georg Gatsas erschienen ist. Es ist die Stadt der Gegenwart, durch die sich der 39-Jährige mit der Kamera bewegt, auf der Suche nach Menschen und Motiven, die ihren Sound repräsentieren – einen Sound, der sich gegen die Realität zunehmender Vereinzelung, Konkurrenz und Überforderung aus der Kollaboration speist.          

 

Georg Gatsas: Are You… Can you… Were You?
Kunstmuseum St. Gallen
Museumstr. 32, St. Gallen.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr, Mittwoch 10.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 11. Februar 2018.

Georg Gatsas: Signal The Future, CPress, Zürich 2017, 232 S., 37 Euro | 42 Franken.

 

 

 

 




Kunstmuseum St. Gallen