27/11/17

Zierrat für die Kunst

Wim Delvoye verleibt sich im Museum Tinguely so ziemlich alles ein

von Annette Hoffmann

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Wim Delvoye, Installationsansicht im Museum Tinguely, 2017, Fotos: Museum Tinguely, Basel / Stefan Schmidlin

Wenn sich die Industrie den Anschein des Kunsthandwerklichen gibt, sie en masse filigrane Eisengitter hervorbringt oder gar wie in Dresden einer Tabakfabrik die äußere Hülle einer Moschee verliehen wird, dann herrschen Zeiten des produktiven Überschusses. Der belgische Konzeptkünstler Wim Delvoye (*1965) mag solche Formen des charmanten Oberflächenschwindels. In Europa lag die Blüte einer solchen Verbindung von Industrie und Kunsthandwerk auf der Schwelle zum 20. Jahrhundert. Seitdem sehen produktive Prozesse eher funktional aus. Und so ist es kein Wunder, dass Delvoye, um Reifen schnitzen zu lassen oder die Karosserie eines Sportwagens in ein verschlungenes Muster zu verwandeln, nach Indonesien, China oder in den Iran gehen muss. Oder neueste Techniken anwenden muss. Arbeiten wie „Concrete Mixer“ aus dem Jahr 2012 oder der knapp zehn Meter lange „Cement Truck“ von 2016 bestehen aus Laser geschnittenem Cortenstahl.

Der gute Geschmack war noch nie die Leitidee im Werk Wim Delvoyes. Im Museum Tinguely, wo jetzt die erste Schweizer Retrospektive des Künstlers zu sehen ist, suchen dessen Kloakenmaschinen Anschluss an die Schrottassemblagen Tinguelys. Je nach Ausführung sehen sie aus wie riesige Waschmaschinen, die jedoch eher Flecken produzieren oder wie lineare Fertigungsstraßen, die unerlässlich die Verdauungsprozesse in unserem Körper nach außen tragen. Mit ihnen und mit tätowierten Schweinen sowie dem Rücken des Zürchers Tim Steiner (TIM, 2008) ist Wim Delvoye über die Kunstszene hinaus bekannt geworden. Und vielleicht sind ja Tattoostudios die Orte in Europa, wo das Ornament überlebt hat. Steiners Maria-Tattoo jedenfalls ist längst am lebenden Leib verkauft und in den Kunstmarkt eingespeist worden. Im Kontext von Delvoyes Basler Ausstellung wird aus der Haut nur eine weitere Oberfläche – etwaige moralische Bedenken sind da schnell beiseite geräumt.

Wim Delvoye macht aus Betonmaschinen Zierrat des 19. Jahrhunderts im gotischen Stil, aus der windschnittigen Silhouette eines Maseratis eine verschnörkelte Erzählung aus Tausendundeiner Nacht und aus der Absperrung einer Baustelle mit Spaten und Signallampen wird 1992 die Kunstschnitzerei aus Tropenholz „Labour of Love“. Die Glasmalerei einer Fensterfront jedoch besteht aus Röntgenaufnahmen von Schädeln und Knochen, stilisierten Därmen und DNA-Strukturen. Auf einem Podest davor winden sich zu einer Doppel-Helix verdrehte eiserne Kruzifixe. Wim Delvoye wertet auf und ab. Propangasflaschen zieren Delfter Ansichten im klassischen Blau und auf Bügelbretter sind die Wappen Belgiens auf Email reproduziert (Ironing Boards, 1990), die an die Wand gelehnt nun wie eine Phalanx Schilde aussehen. Wim Delvoye macht es, weil er es kann. In Basel sind auch gut 110 Kinderzeichnungen von ihm zu sehen, sie aufbewahrt zu haben, zeugt zumindest von hohen Erwartungen.          


Wim Delvoye
Museum Tinguely
Paul-Sacher-Anlage 1, Basel.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 1. Januar 2018.


 

 

 




Museum Tinguely