30/11/17

Der Körper als Spur

Shahryar Nashat vermisst in der Kunsthalle Basel Abwesenheiten

von Dietrich Roeschmann

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Shahryar Nashat, The Cold Horizontals, 2017, Installationsansicht, Foto: Philipp Hänger, Kunsthalle Basel
Warum schauen wir auf Youtube gerne Menschen beim Scheitern riskanter Körperübungen zu? Ist es der Kitzel der Ungewissheit, ob sie beim Salto den heftigen Stoß des Kopfes an das Geländer überleben oder den Sturz von der Museumsempore in eine Vitrine, der so lebensgefährlich aussieht und zugleich so slapstickhaft komisch? Ist es die Fassungslosigkeit angesichts der Brutalität, die es bedeutet, den menschlichen Körper als passives, träges Material zu sehen, dem Spiel der Kräfte ausgeliefert wie ein Crash Test Dummy? In der Videoarbeit „Image Is an Orphan”, die im Zentrum der Soloschau „The Cold Horizontals” des in L.A. lebenden Genfers Shahryar Nashat in der Kunsthalle Basel steht, sind gleich mehrere solcher Szenen zu sehen – alle extrem unscharf und in winzigen, mehrfach wiederholten Schnipseln aneinander geschnitten, aber eindrücklich genug, um sich wie Viren im Kopf festzusetzen. „How will I die?”, fragt dazu eine monoton entrückte Frauenstimme, wieder und wieder, „Who will carry me?”, „Who will feel my after-effects?” Schwer zu sagen, wer genau da spricht: Ist es die Anwältin aller Pechvögel und Lebensmüden, die hier auftreten? Ist es unsere eigene, innere Stimme – oder doch eher die Stimme der Bilder, die sich auf dem Screen auflösen, um in unserem Hirn ein ungeahntes Eigenleben zu entwickeln?

Irgendwann, zwischen all den Amateuraufnahmen schmerzhafter Unfälle und den professionell inszenierten Ansichten eines zerwühlten Bettes oder eines elektrischen Stuhls, die sich unschwer als Verweise auf Felix Gonzalez-Torres’ Memento „Untitled” für seinen 1991 an AIDS gestorbenen Lebensgefährten Ross oder auf Andy Warhols legendäre „Electric Chair”-Serie entziffern lassen, taucht dann ein grün-blau-violett schimmerndes, dezent pulsierendes Etwas auf, das wie die Makroaufnahme menschlicher Haut im Schein einer Discokugel wirkt. Tatsächlich handelt es sich dabei um eine Visualisierung der neurologischen Stelle im Gehirn, an der optische Informationen im Verstand als Bilder erscheinen – gewissermaßen also um ein Bild vom Ursprung des Erkennens. Unterfüttert von einem sonoren, suggestiv verhallten Soundtrack und überblendet vom gleißenden Licht einer Operationslampe, mündet Nashats Film schließlich in einem grob verpixelten Bild, aus dem sich langsam wie eine vage Vorstellung die Kontur eines durchtrainierten männlichen Körpers abzeichnet.

„Image Is an Orphan” erzählt auf eindringliche, oft faszinierend ungemütliche Weise vom Verhältnis des Körpers zum digitalen Bild, oder auch: vom Wechsel seines Aggregatzustands als lebendige Form aus Wasser und Zellen hin zum Abbild seiner äußeren Oberfläche, zerlegt in eine Ordnung aus Einsen und Nullen. Auf dem Weg vom Gewebe zur Datei streift er bei Shahryar Nashat den Tod. Nicht zufällig ist der Körper in vielen Szenen des Films nur noch als Erinnerung anwesend und im realen Ausstellungsraum als Skulptur gewordene Spur – wie im Gipsrelief eines Schulterabdrucks an der Wand („Yea High”) oder der im UV-Verfahren geplotteten Fotografie einer Träne auf Wangenhaut („After-Effects of the Tear”). Auch die Titel gebenden Skulpturen „Cold Horizontal” vermessen die Abwesenheit des Körpers. Wie aus gefrorenen Blut- und Fleischblöcken gesägt, stehen sie – formal unentschieden zwischen Hünengrab und Seziertisch – im Raum, aber dennoch so saftig und rosig, als könnten sie jederzeit als Hybride aus Bild und Body zu atmen beginnen.        

Shahryar Nasha, The Cold Horizontals
Kunsthalle Basel
Steinenberg 7, Basel.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 11.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 11.00 bis 20.00 Uhr, Samstag bis Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr.
Bis 7. Januar 2018.

 





Kunsthalle Basel