24/11/17

Private Inszenierungen

Das Museum Langmatt in Baden initiiert einen Dialog mit Porträtmalerei von Fragonard bis Dumas

von Annette Hoffmann

langmattborremans.jpgMichaël Borremans, Sleeper, 2007-08, Sammlung Lio Hebbelynck, Belgien, Courtesy Zeno X Gallery, Antwerpen, courtesy Langmatt
So sah es hier also einmal aus. Ein Foto von 1934, ausgelegt auf einem der Tischchen, stellt das Vorbild für die Hängung. Auf einer dunklen Wandbespannung reiht sich ein Werk horizontal und vertikal an das andere, auf zierlichen Tischen und Simsen finden sich Vasen und Figuren, ein historischer Globus steht an der Stirnseite der Gemäldegalerie auf dem Perserteppich. Die Weltkugel gibt es immer noch, auch wenn der Teppich ausgetauscht wurde und sich die Farbe der Wände verändert hat. Er ist eine Art Symbol dafür, dass das kunstsinnige Ehepaar Sidney Brown und Jenny Brown-Sulzer über den Ort Baden hinauszuschauen wusste und sich neben der Malerei und der Archäologie auch für außereuropäisches Kunsthandwerk interessierte.  

 langmattklodinerb.jpg

Klodin Erb, Orlando #26, 2013, Privatsammlung, courtesy Museum Langmatt
Und so sieht es jetzt aus: fast die gesamte Stirnseite nimmt die Malereiinstallation „Orlando“ von Klodin Erb ein. Wie ihr literarisches Vorbild, Virginia Woolfs gleichnamiger Roman, spielt die Zürcher Malerin verschiedene – nicht nur weibliche – Identitäten und Rollen durch. Manche kennt man aus der Kunstgeschichte, andere wie Frankenstein aus der Literatur oder der Populärkultur. Erb gibt mit ihrer voranschreitenden Serie das Thema einer intensiven Auseinandersetzung mit dem menschlichen Antlitz vor, die ein ernstes Spiel sein kann. „Die Augen der Bilder – Porträts von Fragonard bis Dumas“ heißt die Ausstellung im Museum Langmatt, die sich an der historischen Hängung der Sammlung orientiert. Über die Seiten wuchern zeitgenössische Malerei und Impressionisten, dazwischen muss man auf Preziosen achtgeben. Maya Bringolfs Skulpturen mit den durcheinander gewirbelten PU-Schaum-Köpfen wirken da robuster und verknüpfen, indem die Künstlerin Möbelstücke aus dem Brockenhaus als Sockel benutzt, den Menschen mit dem Interieur. Im Museum Langmatt macht diese Verbindung den Charakter und den Charme des Hauses aus. Porträts von Jenny Brown im hochgeschlossenen Brokatkleid auf einer Chaiselongue hängen neben kleinformatigen Kinderbildnissen von Pierre-Auguste Renoir und der Arbeit „Boy“ von Michaël Borremans.

Wer öfters das Museum Langmatt besucht, ist mit der Sammlung vertraut, etwa mit Eugène Boudins Strandszenen aus der Normandie, wo auch die Familie Brown ihren Sommer verbrachte. Fotos aus dem Urlaub waren in früheren Ausstellungen bereits zu sehen. Oder auch den Erntebildern von Camille Pissarro, die mal beschaulich wirken, wenn eine junge Frau im Garten Erbsen pult, mal zwei Frauen mit Körben auf einem Feld zeigt. Von Jean-Honoré Fragonards Bild „Junges Mädchen mit Katze“ aus dem Jahr 1770 weiß man, dass das Ehepaar einiges dafür tat, es in seinen Besitz zu bringen. Im Spiel mit der Katze ist dem jungen Mädchen das Hemd von der Schulter gerutscht und gibt den Blick auf einen noch kindlichen Körper frei. Während sich das Mädchen abwendet, schaut die weiße Katze uns direkt an, in deren Augen sich die Freude am Spiel spiegelt, aber auch die Lust des Betrachters am intimen Anblick. Bilder können auf eine befremdliche Weise Blicke erwidern.

Geschichten über die Bilder stehen wie unsichtbare Möbel im Raum und verändern wie die realen Einrichtungsgegenstände der Browns die Kunstrezeption. Man müsste wie diese mit den Bildern leben, sie über den Tagesverlauf beobachten, sie immer wieder neu sehen können. Die Sammlung gehört wie die Familienfotos im Obergeschoss zu den Inszenierungen der Familie und ihrem Selbstbild. Die zeitgenössische Kunst fremdelt da ein bisschen und braucht manchmal einen direkten Zugang. „The Woman who saw Picasso cry“, nennt Marlene Dumas ihr Porträt von Dora Maar im Untertitel.   

 

Die Augen der Bilder – Porträts von Fragonard bis Dumas.
Museum Langmatt
Römerstr. 30, Baden.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 14.00 bis 17.00 Uhr, Samstag bis Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr.
Bis 10. Dezember 2017.

Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen: Hatje Cantz, Ostfildern 2017, 140 S., 36 Euro | ca. 47.90 Franken.

 

 

 




Museum Langmatt