29/11/17

Vom Verschwinden und Materialisieren

In seiner Soloschau in der Kunsthalle Bern befragt und unterläuft Stefan Burger das Konkrete der Fotografie

von Julia Hochstenbach

stefanburger1.jpgStefan Burger, Installationsansichten Kunsthalle Bern, 2017, Foto: Gunnar Meier
Eine zarte Pflanze, eine stabförmige Kerze, ein paar Knöpfe – einfache einfarbige Einzelobjekte sind auf Stefan Burgers Fotografien zu sehen: pur, zurückhaltend, unspektakulär, beinahe wie im Rückzug von jeglicher Aussage. Von ungewohnter Stille und Melancholie zeigt sich hier der in Zürich lebende Künstler. Stefan Burger (*1977) weitete das Fotografische immer wieder ins Skulpturale, in Installation, Video oder performative Inszenierung aus, geprägt von zwar hintergründigem, aber oft diesseitigem, spielerisch-humorvollem Charakter. In dieser Werkgruppe konzentriert er sich nun ganz auf die Fotografie, greift tief in ihre Materialität ein und fördert ihre inneren Doppelbödigkeiten zutage. Schon auf den zweiten Blick nämlich wird der Herstellungsprozess sichtbar, durch Einlassen der Objekte in Kunstharz, lange Belichtungszeiten oder chemische Prozesse schlägt sich dieser als wabernder Farbnebel, in Flecken oder Lichtfehlern im Bild nieder, lässt das Foto ins Malerische übergehen. Schlieren und Flecken werden zum Ornament, ziehen auch Blätter und Zweige ins Arabeskenhafte. Eine Pflanze, fast zeichnerisch in ihrer gestochenen Schärfe, säuft nach oben hin plötzlich ins pure Weiß des Fotopapiers ab, ein Fehler, eine Verweigerung, eine Auflösung des Fotos ins Nichts und der Pflanze in die Materialität der Fotografie.

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Stefan Burger, Installationsansichten Kunsthalle Bern, 2017, Foto: Gunnar Meier
Nicht nur die Herstellung, auch das Fotopapier, der Rand, der Rahmen drängen sich in die Abbildung hinein. Unakkurat oder mitten durchs Bild geschnittenes Fotopapier, mit Klebeband verstärkter Rand, breite Passepartouts, die ein winziges Bild umschließen, dann wieder brave Holzrahmen beziehen sich auf die Präsentation des Bildes, seiner Funktion, aufgehängt und ausgestellt zu werden. Ein Passepartout erdrückt beinahe sein Bild, zwingt es in den Kontrast eigener Farbigkeit; woanders fließen Rahmen und Bildhintergrund ununterscheidbar ineinander, nur eine Kerze sticht wie eine Störung aus der Monochromie heraus.

Hier wie dort geht das „Außen“ des Bildes ins Innen ein und verwandelt dieses. Das Bild der Pflanze geht ins Dekorative, architektonisch Konstruierte oder Anthropomorphe über: ein zarter Stiel reckt sich in den Himmel, die Blätter mühsam aufrecht gehalten und doch eingeknickt, verknittert – ein gebeutelter Charakter. Es sind die Übergänge und die Ränder der Existenz, mit denen Burger spielt; Verwandlungen, die sich aber gleichsam ins Bild selbst hineinlegen. Ausgangspunkt, Veränderung, Anderssein schichten sich übereinander, Verharren und Bewegung bestehen nebeneinander.

So befragt er wesentlich das, was die Bilder auf den ersten Blick bestimmt und ihr Sinn und Ziel zu sein scheint: das Konkrete, das klar umrissene, realistische Objekt. In zwei Varianten zeigt Burger stark bearbeitete Abzüge von lose verteilten Knöpfen, deren Formen nun nur noch aus einem düsteren Nebel herausschimmern. Fast völlig verlieren sie sich ans nächtliche Dunkel, und doch künden die Konturen vom Gegenstand. Es wird zur Erinnerung, zur Ahnung, zum bloßen Hinweis. Es geht über in die Abstraktion, gerinnt zum Zeichen. So nachdrücklich, dass innerhalb dieser Werkschau selbst drei grauschwarze Bilder mit ihrer kaum merklichen Farbbewegung auf die Bearbeitungsprozesse hindeuten zu scheinen, die einen zugrundeliegenden Gegenstand verschwinden ließen.

Jede Wandlung ist hier zugleich ein Verschwinden – des Inhalts in der Funktion, der Fotografie im Malerischen, des Konkreten im Abstrakten – und zugleich formuliert Stefan Burger ein merkwürdiges Irisieren von Existenz, eine Gleichzeitigkeit von Ja und Nein, von Bestehen und Verlöschen: Denn unter dem Verlöschen liegt das Bestehenbleiben, und wenn es auch nur, wie so oft in der medialen Welt, noch im Zeichen steckt, in der Spur einer Information.    

 

Stefan Burger.
Kunsthalle Bern
Helvetiaplatz 1, Bern.
Öffnugnszeiten: Dienstag bis Freitag 11.00 bis 18.00 Uhr, Samstag ud Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 10. Dezember 2017.

 

 






Kunsthalle Bern