29/11/17

Neue Realitäten provozieren

Wer fehlt hier? In Karin Borers Installationen entsteht aus der Lücke etwas Neues

von red.
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Karin Borer, Compost Tea, 2015, Ansicht Ausstellungsraum Klingental Basel, courtesy the artist

Wenn im November die traditionellen Jahresschauen der regionalen Kunstszenen eröffnen, dürfte es wieder eng werden – nicht nur an den Vernissagen-Partys, sondern auch an den Wänden der rund 40 beteiligten Ausstellungshäuser zwischen Strasbourg, Basel, Bern und Freiburg. Über 500 Künstlerinnen und Künstler wurden in diesem Jahr von den Jurys ausgewählt, um ihre Arbeiten zu präsentieren. Doch was genau ist es eigentlich, was wir da zu sehen bekommen? Worum geht es den Künstlerinnen und Künstlern? Was treibt sie an? Um das herauszufinden, baten wir zehn Kunstschaffende, die uns aufgefallen sind, etwas über die Arbeiten zu erzählen, mit denen sie sich am diesjährigen Panorama der Jahresausstellungen beteiligen.

Karin Borer *1981 in Laufen, lebt und arbeitet in Basel

In meinem Werk verpflanze ich Samples aus den Bereichen Macht, System, Optimierung und Ritual in atypische Verhältnisse, um daraus neue Synthesen zu generieren. Einige bisher zur Anwendung gekommene Beispiele sind Formicarien aus Ytong, Worry Stones, Rampen, Teile von Schutzbekleidung, Mineralsteine, Räucherkugeln, Wasserpumpen, Flüssigdünger und LED-Wachstumslampen. Elemente daraus erscheinen immer wieder in anderen Ansätzen. Die raumgreifenden und teils bühnenartigen Installationen werden darüber hinaus von der Abwesenheit möglicher Akteure bestimmt und provozieren neue Realitäten.

Im Kunstverein Freiburg sind Teile aus der erstmals im Milieu in Bern gezeigten Installation „Choose a character“ und das Werk „Compost Tea“ zu sehen. „Choose a character“ besteht aus verschiedenen simulierten Ebenen: aus Blow-ups von Samples aus Vogelvolieren und aus einer Säule, die als Display für eine Räucherzange und als Instrument zum Abbrennen einer Räucherkugel eine konkrete Verwendung findet. Der Duft bezieht sich auf den aphrodisierenden Geruch des Vogels Kakapo, einem großen, flugunfähigen Papagei. Sein Duft, der eigentlich als Anlockmittel zur Paarung gedacht ist, zieht jedoch eingeführte Tiere an, die dem wehrlosen Vogel das Leben schwer machen. Zudem gären 210 Liter Flüssigdünger mit Hilfe einer Luftpumpe im Kunstverein vor sich hin. Der Duft breitet sich im Raum aus und stimuliert und irritiert die Besucher und beeinflusst auch die anderen Werke der Ausstellung. „Compost Tea“ ist ein flüssiges, nährstoffreiches, ausgewogenes, biologisches Ergänzungsmittel, hergestellt durch Eintränken von gealtertem Kompost in Wasser – flüssiges Gold für die Wachstumsoptimierung von Blumen, Gemüse und Zimmerpflanzen.

Das Kunsthaus L6 zeigt „‘It‘s very beautiful over there.' (Thomas Edison, 1931).“ Das Werk war Teil der letzten Ausstellung in der Schwarzwaldallee Basel. Auf der Konstruktion sitzend oder stehend verändert sich die Sicht auf den Raum und die anderen Werke. Durch das vorangehende Hinaufschreiten, der darauf thronenden (Schutz-)Maske aus Kokosfasern entgegen, wird man Teil eines vorgegebenen Rituals – einer etwaigen (Opfer-)Zeremonie.

 

 




Karin Borer