30/11/11

Die Nähe von Kunst und Geld

Das Kunsthaus Zürich hat die Händlerfamilie Nahmad eingeladen, Werke aus ihrer Sammlung zu zeigen.

von Annette Hoffmann
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Das Kunsthaus Zürich hat die Händlerfamilie Nahmad eingeladen, Werke aus ihrer Sammlung zu zeigen.Malevich

Nein, Christoph Becker, Direktor am Kunsthaus Zürich, macht keinen Hehl daraus, dass diese Schau anders ist. „Miró, Monet, Matisse – The Nahmad Collection“ wird als weltweit erste Ausstellung dieser Sammlung angekündigt. Nichts drängt sich in diesem Titel zwischen die Künstler und die Sammler – Picasso passte wohl nicht in die Alliteration –, und dennoch gibt es Irritationen. Eine derart enge Verbindung zwischen einem Museum und einer Familie, die mehr als Kunsthändler denn als Sammler auftritt, ist neu – und ein Bruch mit den Gepflogenheiten des Betriebs, dass manche gar von einem Sündenfall sprechen wollten. In Zürich geht man damit offensiv um und kann doch darauf zählen, dass viele Besucher dies wie auch den Dokuraum einfach übersehen werden. Bezeichnenderweise liegt er in unmittelbarer Nähe des Museumsshops, der eigens für diese Schau im Obergeschoss eingerichtet wurde.

„Die Nähe von Kunst und Geld sorgen für Spannung, seitdem Kunst sich als Ware auf einem Markt durchsetzen musste“, weiß die Dokumentation und würdigt in einem historischen Überblick die Leistung von Kunsthändlern wie Daniel-Henry Kahnweiler oder Ambroise Vollard. Es sind Persönlichkeiten, die den modernen Kunstmarkt mit ausgeprägt haben; die durchaus, um ihre präferierten Künstler durchzusetzen, Publikationen schrieben und bei denen sich Privates und Professionelles mischte. Es sind aber auch Akteure, die oft mehr als nur finanzielle Risiken auf sich nahmen. Doch auch die Verbindungen zu öffentlichen Institutionen waren immer enger als man es wahrhaben möchte. So schrieb Alfred H. Barr, Direktor des New Yorker Museum of Modern Art bereits 1929, „In der Geschichte der Kunst – schaut man sich die materialistischere Seite an – spricht das Geld lebhaft mit, scheuen wir uns nicht, ihm zuzuhören“. Die Nahmad-Familie will sich hier nicht so recht einreihen. Nicht nur, weil ihr Geschäftsgebaren eher als robust gilt. So wird immer wieder kolportiert, dass sich die Familienmitglieder bei Auktionen gegenseitig überbieten, um die Preise der Werke und so auch die ihrer eigenen Werke hochzutreiben. Auf drei Milliarden Dollar belaufen sich Schätzungen ihres Vermögens. Es wird vermutet, dass mehrere Tausend Werke in einer Halle auf dem Genfer Flughafen eingelagert sind.

Seit den 1960er Jahren handelt die Familie, die ursprünglich aus Syrien stammt und mittlerweile weitgehend in Monaco lebt, mit Kunst. In einem kurzen Interview erinnert sich Helly Nahmad im Katalog an die Anfänge. Als erst Joseph Nahmad neben seinen Immobiliengeschäften anfing, Kunst zu sammeln und später seine beiden Neffen Ezra und David Nahmad in den Kunsthandel einstiegen. Die fehlenden Kontakte zur internationalen Kunstszene ersetzten sie in den ersten Jahren durch Einkäufe bei Kahnweiler in Paris, die Werke verkauften sie, so Helly Nahmad, oft binnen eines Tages. Zu den schönsten Anekdoten dieses Interviews gehört, wie den beiden Brüdern ein Picasso, den sie kurzerhand auf dem Dach ihres Autos transportiert hatten, auf dem Weg nach Mailand abhanden kam, weshalb sie umkehrten und das Bild prompt am Straßenland wiederfanden. Viel von Arbeit ist hier zu lesen und vom amerikanischen Ideals des Selfmademans, der Erfolg hat, auch ohne viel Wert auf schulische oder universitäre Bildung zu setzen. Die Direktheit, mit der hier von Geld und Gewinnmaximierung gesprochen wird, brüskiert. Schließlich wird diese merkantile Seite des Kunstbooms gerne mit Diskretion verbrämt.

Dass nun mehr als 120 Werke der klassischen Moderne in Zürich zu sehen sind, hat zugleich mit den Gesetzen des Marktes zu tun. Denn die Werke der Nahmad Collection tauchen durchaus als Leihgaben in öffentlichen Häusern auf. Zuletzt auch im Kunsthaus Zürich bei der Rekonstruktion der dortigen Picasso-Ausstellung des Jahres 1932. Die Zusammenarbeit bot Christoph Becker Anlass, nachzufragen und ein Ausstellungsprojekt vorzuschlagen. Keine Frage, die Werke, die jetzt in Zürich zu sehen sind, haben Museumsqualität. Über 20 Bilder von Picasso werden gezeigt, eine Reihe von sehr schönen Modigliani-Porträts und Venedigansichten von Claude Monet. Es ist aber auch eine ausgesprochen museale Präsentation, die das Kunsthaus Zürich der Nahmad Collection gewährt. Innerhalb des Kunsthaus Zürich bildet die Sonderschau ein eigenes kleines Museum. Die Wände sind farbig, an den Werkgruppen lässt sich Kunstgeschichte nachvollziehen und ein Katalog bereitet die Werke auf. All das sind Kriterien, die sich wertsteigernd auf die Bilder auswirken werden. Der Vorwurf an das Museum, sich für kommerzielle Zwecke instrumentalisieren zu lassen und eine Händlersammlung zu nobilitieren, ließ da nicht lange auf sich warten. Mag sein, dass sich Beckers Hoffnung, aus diesem Konvolut könne irgendwann einmal ein eigenes Museum entstehen, das die Werke dauerhaft der Öffentlichkeit zugänglich macht, erfüllt. Doch die Familie steht unter dem Ruf „to buy and sell“, so der Pariser Galerist Samy Kinge. Und wirklich nehmen die Nahmads nicht die Rolle des Galeristen als Mittler zwischen Atelier und Publikum ein, man investiert in Kunst und nicht in Künstler. Es sind gesicherte und daher museale Werte, die nun in Zürich zu sehen sind. Dies ist ein wesentlicher Grund, warum sich die Tätigkeiten der Nahmads nicht in die Riege der Kahnweilers und Flechtheims einordnen lässt. Zu den wenigen lebenden Künstlern, deren Werke die Nahmads in ihren Galerien in New York und London verkaufen, gehört Damien Hirst, bekanntermaßen einer der marktaffinisten Künstler der Gegenwart. Und so sind es auch die Regeln des Marktes, die diese Ausstellung so exemplarisch enthüllt.

Noch immer aber teilt sich die Auseinandersetzung über Kunst in seinen ästhetischen und seinen finanziellen Wert. Wer wie das Kunsthaus Zürich, dessen Aufgabe es ist, Kunst zu vermitteln und wissenschaftlich aufzuarbeiten, mit der anderen Seite kooperiert, muss mit Kritik rechnen. Zugleich aber darf man nicht verkennen, dass Museen nicht ohne Unterstützung der Sammler auskommen. Gut ein Viertel des Werkbestandes des Kunsthaus Zürich, so lässt sich in der Dokumentation nachlesen, stammt aus Donationen und Kooperationen mit Stiftungen. Auf dem Kunstmarkt wurden die Museen längst als Kunden abgehängt. Der Besucherandrang ist groß bei der Nahmad Collection. Man muss es nicht allein als Indiz deuten, dass das Private und Klandestine seine narrativen Qualitäten hat, es ist auch ein Sinnbild dafür, wie man sich selbst Konkurrenz machen kann. Denn die Sammlungsräume, die nicht minder hochkarätige Werke aufzuweisen haben, sind schlechter besucht. Ein gutes Signal für die Zukunft ist es nicht.

Miró, Monet, Matisse. The Nahmad Collection.
Kunsthaus Zürich

Heimplatz 1, Zürich.

Öffnungszeiten: Mittwoch bis Freitag 10.00 bis 18.00 Uhr, Dienstag, Samstag und Sonntag 10.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 15. Januar 2012.
Katalog bei Dumont, Köln 2011, 256 S., 39,90 Euro | 53.90 Franken.
Kunsthaus Zürich