10/11/17

Gleichzeitigkeit von Ernst und Ironie

Der Badische Kunstverein zeigt Werke der politischen Strategin Lubaina Himid

von Dietrich Roeschmann

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Lubaina Himid, Speed up the Paw of Change, 2016, Courtesy Lubaina Himid & Hollybush Gardens
Serena Williams im entfesselten Tanz auf dem Rasenplatz von Wimbledon; ein ärgerlich drein blickender Paul Ince kurz vor seiner Entlassung als erster schwarzer Trainer der britischen Premier League; eine namenlose Schöne in strahlend gelbem Fantasiekostüm neben einer Polizeimeldung über Gewaltexzesse beim Notting Hill Carnival – kein Zweifel: Die farbenfrohen Bilder, die Lubaina Himid (*1954) seit 2007 auf Zeitungsseiten des britischen „Guardian” malt und die jetzt in einer umfangreichen Soloschau der Britin im Badischen Kunstverein zu sehen sind, haben es in sich. Angelehnt an folkloristische Ornamentik, rahmt sie in ihrer fortlaufenden Serie „Negative Positives” die Darstellungen dunkelhäutiger Menschen in der Tagespresse mit Rautenmustern, Raubtierfelldesigns, Sternen oder Pattern aus stilisierten Früchten. Die Artikel verschwinden oft unter der Acrylfarbe. Übrig bleiben lediglich die Überschriften, die Kriminalität, Armut und andere Krisen andeuten – flankiert von den Gesichtern schwarzer Menschen. Für Himid erzählen solche Gegenüberstellungen viel über die realitätsbildende Macht von Wahrnehmungsroutinen. „Ich sehe mich nicht als Malerin im engeren Sinn, sondern eher als eine politische Strategin, die die Sprache der Bilder nutzt”, sagte Himid kürzlich im Interview mit dem „Guardian”.

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Lubaina Himid, Have Courage in crisis - set yourself free, 2016, Courtesy Lubaina Himid & Hollybush Gardens
In Tansania geboren, kam sie zum Studium nach London und gehörte später neben Claudette Johnson und Maud Sulter zu den wichtigsten Vertreterinnen der britischen Black Arts Bewegung der 1980er Jahre. Kürzlich wurde sie für den diesjährigen Turner Prize nominiert, der Anfang Dezember vergeben wird. So gesehen ist die Karlsruher Ausstellung ein Glücksfall, denn tatsächlich versammelt sie pünktlich zum Höhepunkt der Aufmerksamkeit für Himids Auseinandersetzung mit Migration, Rassismus und Fragen der Zugehörigkeit eine gelungene Auswahl ihrer Arbeiten aus rund 30 Jahren. Angefangen bei einer wunderbar verspielten Wandarbeit über die Selbstermächtigung schwarzer Frauen, für die sie Picassos Badende kidnappte („Freedom and Change”, 1984), und einem handgesägten feministischen Leitfigurentheater mit bemalten Cut-Outs von Georgia O’Keefe, Rosemarie Trockel und anderen Idolen Himids („Vernets Studio”, 1994), sind hier auch die surrealen Großformate der Serie „Le Rodeur” von 2017 zu sehen, in der Himid die reale Geschichte eines Sklavenschiffs rekonstruiert, auf dem 1819 sämtliche Menschen an Bord wegen einer Augenentzündung erblindeten. Nebenan tanzt in Acryl auf Papier ein verwaistes Motorboot in lebhafter See. „Have Courage in The Crisis – Set Yourself Free” steht als Slogan darunter. Eine schöne Metapher für die paradoxe Gleichzeitigkeit von Ironie und Ernst, Harmonie und Provokation, die Himids Malerei prägt.     


Lubaina Himid, The Truth is Never Watertight
Badischer Kunstverein
Waldstr. 3, Karlsruhe.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 11.00 bis 19.00 Uhr, Samstag bis Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr.
Bis 26. November 2017.


 

 

 

 




Badischer Kunstverein