16/11/17

Ein Museum als Denk-Raum

Im Bregenz zeigt Peter Zumthor, der das dortige Kunsthaus vor 20 Jahren entwarf, eine Architektenschau ohne Architekturzeichnung

von Christian Gampert

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Olga Neuwirth, Tinkle for P.Z., Foto: © Peter Conradin Zumthor
Die kühlen Betonwände des kubisch angelegten Kunsthauses in Bregenz, die Terrazzo-Böden, die Mischung aus Kunst- und Tageslicht: diese sakrale Bühne, die in den vergangenen Jahren von den unterschiedlichsten Künstlern für ihre Ausstellungen genutzt wurde, ist für den Architekten Peter Zumthor (*1943) vor allem eine Einladung zur Kommunikation. In loser Reihenfolge werden hier Konzerte und Lesungen stattfinden und Zumthor selbst wird mit Künstlerinnen und Künstlern sprechen, die ihm wichtig sind. Zu diesem Anlass ist das Erdgeschoss mit schalldämpfenden schwarzen Paneelen bestückt, die aussehen wie Farbfeldmalereien. In der Mitte steht ein Bösendorfer-Flügel, drumherum bequeme Sessel, die Zumthor – vage angelehnt an den Stil der 1950er Jahre – designt hat; im Hintergrund eine Bar.

„Dear to me“ – was mir lieb ist, lautet der Ausstellungstitel: Zumthor, ein erdverbundener, handwerklicher Mensch, möchte mit seiner Familie feiern, und dazu gehören auch die 30 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Büros – und eben die Kunstschaffenden unterschiedlichster Disziplinen, die Zumthor inspirieren. Im völlig leeren ersten Stock steht eine Spieluhr, der man eine lange Komposition der Neutönerin Olga Neuwirth (*1968) entlocken kann. Man kann die Musik – auf dem Lochkartenband – auch sehen. An den Wänden Fotos der Tessiner Künstlerin Hélène Binet (*1959), die sorgsam die Boden-Pflasterungen der Akropolis zeigen.

Böden sind für Zumthor wichtig, überhaupt: Materialien. Anfassen, tasten, riechen, eine Atmosphäre spüren: das spielt immer wieder eine Rolle, auch in den Interviews, die auf einem Monitor im Erdgeschoss auf Kopfhörer nachgehört werden können. Im zweiten Stock dann eine Bibliothek: rund 40.000 Bücher hat der Antiquar Walter Lietha von Chur nach Bregenz gebracht und in zufälliger Anordnung aufgestellt. Die Bücherwände bilden ein Labyrinth und einen Schutzraum, dort kann man schmökern und manchmal auch Lesungen beiwohnen.

Das Lesen, das ja oft ziellos ist – zufällig bekommt man ein Buch in die Hand und kommt nicht mehr davon los –, dieses Assoziative spielt für Zumthors Arbeit ein große Rolle. So kühl und modern und geometrisch seine Bauten auch sein mögen – die Therme Vals, das Kolumba-Museum in Köln – der Weg, der zu diesen scheinbar einfachen architektonischen Setzungen führt, ist ein komplizierter. Und Zumthor sieht sich in vielen Traditionen: Zwölftonmusik und Lyrik gehören ebenso dazu wie abstrakte Malerei und Philosophie. Und das führt dazu, dass er sich dann in seinen eigenen Häusern ein bisschen zu Hause fühlt, auch in Bregenz.

 

Wenn man nun in Bregenz diese große mehrstöckige Installation betreten und den Veranstaltungen beiwohnen kann, dann wird eines deutlich werden: Architektur dient Peter Zumthor vor allem dazu, ein Stück Heimat zu gestalten – ohne dabei aufdringlich zu sein.

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Ausstellungsansicht Kunsthaus Bregenz, Foto: Markus Tretter, Courtesy Atelier Peter Zumthor & Partner, © Peter Zumthor, Kunsthaus Bregenz
Seine Häuser sind Frei-Räume. Und das Zusammenwirken von Licht und Schatten, von innen und außen, von Kultur und Natur wird im obersten Stock wunderbar ins Bild gerückt mit einem artifiziellen Garten. Die beiden von Zumthor beauftragten Installationskünstler Gerda Steiner (*1967) und Jörg Lenzlinger (*1964) haben dort ein Ambiente eingerichtet, eine wuchernde, dabei leichte, luftige, sich geheimnisvoll bewegende Installation aus Mobiles, künstlichen Ästen, Pflanzen, Insekten und zirpenden Sounds, die Peter Zumthors Weltsicht inszeniert: der Garten Eden, das Paradies ist für Zumthor ein von Menschen gemachter Garten, ein offener und doch geschützter Ort.       

 

Peter Zumthor: Dear to me.
Kunsthaus Bregenz
Karl-Tizian-Platz, Bregenz.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 10.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 7. Januar 2018.

 

 

 

 




Kunsthaus Bregenz