15/11/17

Der Stoff, aus dem die Heimat ist

Eine Ausstellung im Kunstmuseum Solothurn widmet sich der Faszination der „Pracht der Tracht“

von Annette Hoffmann
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Cuno Amiet, Richesse du soir, Depositum der schweizerischen Eidgenossenschaft, Bundesamt für Kultur, Kunstmuseum Solothurn, © Nachlass Cuno Amiet, Margrit Thalmann und Daniel Thalmann
Als Pipilotti Rist (*1962) während ihres Engagements für die Expo.02 das eine oder andere Mal in Tracht auftrat, konnte sie sich auf eine ganz eigene Tradition berufen und diese zugleich brechen. Anlässlich der Schweizer Landesausstellung in Genf 1896 baute man ein ganzes Dorf aus Chalets, zwischen denen Trachtenträgerinnen zwanglos hin und her flanierten. Geprägt wurde dieses Selbstbild nicht zuletzt von der Weltausstellung in Paris 1867, auf der die Schweiz auf ausdrücklichen Wunsch der Veranstalter sich mit landestypischen Bauten vor Alpenkulisse präsentierte. Auch wenn die Nation die bäuerliche Gesellschaft längst hinter sich gelassen hatte, war die ländliche Idylle eine Projektion sowohl für das Ausland und damit für den Tourismus als auch für die Schweiz selbst. Die Tracht war ein Stück Stoff gewordene Heimat.

Wie sehr dies auch Vorstellungen von Weiblichkeit berührt, zeigt der Foto-Print „Die Hilfe“ von Pipilotti Rist aus dem Jahr 2004. Rists Arme sind nach oben geöffnet, die Beine leicht gespreizt, das eine Bein ist rot bestrumpft, an dem anderen läuft Blut hinunter. Die Künstlerin trägt zum roten Polka-Dots-Kleid die Haube der St. Galler Sonntagstracht, die den Kopf wie mit einer Scheibe umschließt. Es sieht aus, als bitte Pipilotti Rist als seltsame Heilige um das Wohlergehen der Menschen, doch zugleich ist ihre Körperlichkeit mit den unrasierten Achseln und dem Menstruationsblut unübersehbar.

In der Ausstellung „Die Pracht der Tracht. Schweizer Trachten in Kunst und Kunstgewerbe“ führt das Kunstmuseum Solothurn die Auseinandersetzung mit dem Thema an ausgewählten Arbeiten bis in die Gegenwart. In den letzten Jahren wuchs überraschend das Interesse an der Tracht. Vielleicht, weil es kaum mehr Trachtenträgerinnen gibt, vielleicht, weil sich hier ästhetisch ansprechend die Beziehung zwischen Individuum und Gesellschaft veranschaulichen lässt. Gregor Hohenberg etwa fotografierte deutsche Trachten wie Haute Couture, das Staunen über die Qualität des Kunsthandwerks, über die oft so absonderlichen Ausformungen und über Kleidung als Kommunikationsmedium prägte seine Aufnahmen. In Solothurn konzentriert man sich auf die Schweizer Tracht, teilt jedoch die Faszination für den materiellen Aspekt des Themas. Neben den vielen Bildern mit Trachtenträgern vom 18. bis 20. Jahrhundert, von denen ein nicht geringer Teil aus der Sammlung stammt, sind auch Hauben, Bänder und Schmuckstücke ausgestellt. Und zudem eine Reihe von Fotografien, die einerseits dokumentarischen Wert haben, andererseits im Hinblick auf den Tourismus entstanden sind und immer auch der Selbstvergewisserung dienen. Diese Verschränkung findet sich bereits in den Darstellungen von Josef Reinhard (1749-1824), der vom Seidenfabrikant Johann Rudolf Meyer beauftragt worden war, die verschiedenen Schweizer Trachten zu malen. Bereits seine Ende des 18. Jahrhunderts entstandenen Serien sind stilisiert. Reinhard gab Paare und Gruppen wieder, oft als Genrebilder. Die Männer und Frauen stellen nicht allein ihre Kleidung aus, sondern auch bäuerliche und ländliche Tätigkeiten wie das Melken oder das Flachsen, oft finden sich auch Szenen einer natürlich-unschuldigen Erotik – Jean-Jacques Rousseau lässt grüßen. Manchmal erfanden sie die Tracht auch erst.

Trachten sind ein eigener Wirtschaftszweig. Manches war so aufwändig, dass es in Klöstern hergestellt wurde. Für andere war es Lohnarbeit. Caspar Ritter (1861-1923) malte 1890 „Appenzeller Stickerinnen“ bei der Arbeit. Drei Generationen von Frauen sind in der Stube versammelt, eine von ihnen schaut sehnsuchtsvoll nach draußen auf eine Winterlandschaft, den Stickrahmen in der Hand. Selbst die jüngste Tochter wird an die Arbeit herangeführt, alle tragen Alltagstracht. Es ist ein verklärender Blick auf einen wichtigen Wirtschaftszweig der Schweiz, der ohne Heimarbeit nicht möglich gewesen wäre. Die Tracht ist – das zeigt diese detailreiche Ausstellung – Teil dieses Widerspruchs.  

 

Die Pracht der Tracht. Schweizer Trachten in Kunst und Kunstgewerbe.
Kunstmuseum Solothurn
Werkhofstr. 30, Solothurn.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 11.00 bis 17.00 Uhr, Samstag und Sonntag 10.00 bis 17 Uhr.
Bis 7. Januar 2018.

Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen: Scheidegger & Spiess, Zürich 2017, 192 S., 49 Franken | 48 Euro.

 

 




Kunstmuseum Solothurn