14/11/17

Der Dilettant als Liebhaber

Das Fotomuseum in Winterthur widmet sich einer ernsten Sache: dem Hobby

von Karoliina Elmer
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Ricardo Cases, aus Paloma al aire, 2011, © Ricardo Cases
Erstmalig untersucht das Fotomuseum Winterthur in einer gross angelegten Ausstellung das Verhältnis von Fotografie und Hobbykultur. Sie geht der Frage nach, was das Hobby sein könnte in der Zeit, in der sich durch die zunehmende Wichtigkeit des Internets das Verständnis von privaten und sozialen Räumen verschoben hat. Viele Menschen geben heute an, aus Zeitmangel kein Hobby auszuüben. Ist die Digitalisierung für das Ende der Hobbykultur verantwortlich? Oder haben YouTube, Instagram und weitere mediale Errungenschaften der Fotografie die Freizeitaktivitäten erst mit neuem Leben erfüllt? Wie „The Hobbyist“ den Besuchern in einer gelungenen, gut rhythmisierten Zusammenstellung von Fotografien und bewegten Bildern beweist, sind Hobbys nicht ausgestorben. Gelingt es der Schau doch anhand von 36 Werken aus den frühen 1960er-Jahren bis heute die Bedeutungsvielfalt innerhalb des Spannungsfelds aufzufächern. Dabei widerspiegelt sich der ambivalente Status der Fotografie zwischen populärer Praxis, Hobby und Kunstform, zwischen kreativen Dilettantismus und künstlerischem Professionalismus. Aufgeteilt in fünf Kapitel tritt der Besucher im ersten Raum – „Ich und die Welt“ – über einen weichen, blauen Teppich sogleich in die mediatisierte Parallelwelt ein. Mit einem Augenzwinkern verweist David De Beyter auf die gesteigerte Wichtigkeit der (Selbst-)Repräsentation durch die Entwicklung der digitalen und sozialen Medien. Freizeitaktivitäten bringen Menschen in Kontakt zueinander.

Bereits in den 1960er-Jahren entwickeln sich die Grundlagen der digitalen Kultur. Mit einem Blick in die Vergangenheit werden im Ausstellungsraum die Themen Hippiekultur und die Computer-Comunity behandelt. Erstere setzt sich für einen alternativen Gesellschaftsentwurf und die Stärkung des Individuums ein. Auch die Hackerszene hinterfragt kritisch gegebene Systeme. Das Videospiel „Spacewar!“ (1961–1962) und der erste Personal Computer wären ohne die Zusammenarbeit von Ingenieuren und Hobbyisten nicht möglich gewesen. In den späten 1960er- und frühen 1970er-Jahren verwischen und differenzieren sich Arbeit und Freizeit. Hobbys finden dank der Einführung der Fünf-Tage-Woche Eingang in die Massenkultur. Die individuelle freie Zeit wird für die persönliche Verwirklichung genutzt. Im Raum „Von Freizeit und Lifestyle“ wird dokumentiert, wie sich die Kunstschaffenden im Grenzbereich von Dokumentation, Amateurwesen  und Expertentum bewegen. In den 1960er-Jahren wenden sich bildende Künstler/-innen von den künstlerischen Gattungen hin zu Amateurtechniken, oder sie präsentieren mit ihren Arbeiten Hobbys bzw. Material von Hobbyisten. Gordon Matta-Clark beispielsweise eröffnet 1971 zusammen mit der Tänzerin Caroline Goodden ein Restaurant mitten im New Yorker Soho, woraus der Film „FOOD“ (1972) entsteht.

Unter dem Kapitel „Un/Spektakuläre Orte“ werden die unterschiedlichsten Plätze behandelt, an denen Hobbys ausgeführt werden. Übungskeller, Garten oder Wald werden zu Treffpunkt und Rückzugsort. Durch Fotografieren werden diese Räume visuell erfasst und massgeblich mitproduziert. „Folk Archive“ (1999–2005) der beiden britischen Künstler Jeremy Deller und Alane Kane ist ein sprechendes Beispiel für das Kapitel „Rituelle Leidenschaften“. Die Fotografien aus der Alltagskultur ihres Herkunftslandes bieten einen leicht verschmitzten Einblick in die Freizeitaktivitäten der Inselbewohner. Das Hobby gleicht einem Ritual und die Fotografie – auch sie eine Freizeitbeschäftigung – hat Teil an diesen Leidenschaften. Sie bietet die Möglichkeit, das eigene Tun festzuhalten und somit einer breiteren Öffentlichkeit zu präsentieren. Diese ungeheure Menge an Bildern findet Eingang in die Hobby- und Kunstpraxis, wird aufbewahrt, sortiert und zu Kunst erhoben. Zu Sammlungen zusammengetragen ermöglichen sie ein Gesamtbild des Privaten, der Populärkultur – die Welt der Hobbyisten.      

 

The Hobbyist: Hobbys, Fotografie und Hobby-Fotografie.
Fotomuseum Winterthur
Grüzenstr. 44+45, Winterthur.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr, Mittwoch 11.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 28. Januar 2018.

Zur Ausstellung ist eine Publikation erschienen: Spectorbooks, Leipzig 2017, 102 S., 18 Euro | ca. 36.90 Franken.

 

 

 




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